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Stimmen aus der Wildnis

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Di, 22 Mär 2011

... der europäischen Siedler in Amerika. Exakt 102 Menschen (einer ist bei der Überfahrt gestorben, einer wurde auf der Überfahrt geboren) aus England, als Puritaner vertrieben, kamen im Jahr 1620 hier an, vier Jahre nach den Kolonisten von Jamestown, die aber erst einmal nur einen Handelsposten bauten und keine echte Siedlung.

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Angeblich sind sie alle auf diesen Stein getreten, von dem heute noch ein Stück am Strand von Plymouth, Massachussetts liegt. Das weiß heute keiner mehr so genau, aber es gehört zur Legendenbildung und so hat man diesen Stein anständig überdacht und zur Bewunderung tausender Touristen freigegeben.

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Hier an der Promenade von Plymouth liegt auch der Nachbau des Schiffes "Mayflower", die Mayflower II. So hat das Schiff also ausgesehen, auf dem die Leute über zwei Monate zusammengepfercht waren, bis sie, etwas weiter nördlich als ursprünglich beabsichtigt an Land gingen.

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Unter Deck ist es eng und man kann erahnen, wie schwer es sich dort aushalten ließ. Alle Leute mit wenigem Hab und Gut auf engstem Raum, keine Privatsphäre, schlechte Luft, kaum Licht, nur die Hoffnung, lebend an Land zu kommen.

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Der große Micha jedenfalls hätte kaum aufrecht stehen können, die kleinen Gören hätten kaum so lange stillsitzen können, Mattis hätte mit seinen Nachtschreien die Reisenden in den Wahnsinn getrieben.

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Tatsächlich kann man sich die Verzweiflung der Menschen vorstellen: wie muss es einem gehen, der eine lebensgefährliche Überfahrt wie diese antritt, in ein Land gänzlich ohne alle Annehmlichkeiten der alten Heimat? Für die Schiffsbesatzung dagegen stand fest, dass sie bald wieder Richtung England segeln würden. Allerdings mussten auch sie den ersten Winter hier ausharren, da das Schiff schon zu spät für eine schnelle Heimreise angekommen war. Und die Häftle der Besatzung starb genauso wie viele Siedler an Hunger, Krankheiten und Erschöpfung während dieses ersten Winters in der Neuen Welt und trotz der Hilfe von Ur-Einwohnern. Aber der Kapitän erzählte guten Mutes, dass sie nun bald aufbrechen würden.

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Man ist es ja eigentlich nicht gewöhnt, in all dem Historischen und Wiederaufgebauten etwas richtig Lebendiges vorzufinden. Die angeheuerten Schauspieler in Kostümen sind aber wirklich gut, sie fügen dem Gesamteindruck eine neue Dimension hinzu. Man kann sie fragen, wie die Überfahrt war, was gegessen wurde und wie es nun weitergeht und sie erzählen es mit dickem alt-englischen Akzent, so wie es die Quellen hergeben. Auch in der Plimouth Plantation, dem Nachbau der ersten Siedlung auf den Ruinen eines Indianerdorfes beantworten verkleidete Schauspieler alle Fragen.

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Dabei tun sie tatsächlich so, als wären sie Pilgerväter. Wir Deutschen wurden zum beginnenden 30jährigen Krieg auf deutschem Boden und zu martin Luther ausgefragt, als ob wir Neuigkeiten brächten. Wittenberg kannten sie natürlich. Einer Besucherin aus Oregon konnte einfach nicht geglaubt werden, dass sie so weit aus dem Westen kam, denn da wäre doch schon China. Das Dorf selbst sieht so aus, wie es die Quellen beschreiben, allerdings sechs Jahre nach der Ankunft. Es gibt Tiere, aber noch keine Pferde und die meisten Pilger gehen der Farmarbeit nach, denn noch immer geht es vornehmlich darum, zu essen zu haben.

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In den Häusern stehen die wenigen Möbel, die sie wohl gehabt hatten. Die werden ebenfalls auf dem Museumsgelände hergestellt, auch die Häuser selbst sind so gebaut wie vor fast 400 Jahren.

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Trotz Sonnenschein war es ziemlich kalt. Wir hatten gehofft, so weit südlich wäre der Frühling schon weiter. Zum Glück hatten wir Mattis Bärenfell mit, denn wir waren lange draußen unterwegs. Unterhalb der Siedlung liegt nämlich noch ein Teil des Indianerdorfes der Wampanoag, die an der Küste siedelten.

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Auch hier gibt es Erklärer, aber diese wollen nicht als Schauspieler, sondern als Nachfahren der Wampanoags verstanden werden. Sie reden auch in der Wir-und-Jetzt-Form und es wird deutlich, dass Siedler und Indianer zumindest in den ersten Jahren auf einem Niveau lebten.

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In den mit Baumrinde gedeckten Hütten kann man nachgemachte Artefakte bewundern, deren Originale im Museum hängen. Von den Ureinwohnern selbst ist kaum mehr geblieben, der Stamm der Wampanoag ist durch eingeschleppte Krankheiten nahezu vollständig verschwunden.

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Wir haben einige Stunden in der Plantation zugebracht und sind dann noch in den Ort hineingefahren. Plymouth ist heute eine kleine Hafenstadt, die vom Tourismus lebt. In der Vorsaison ist es hier noch schön ruhig und man kann durch die kleinen Straßen schlendern und ein paar Häuser aus dem 17. Jahrhundert anschauen, die tatsächlich noch erhalten sind.

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Hier dreht sich natürlich alles um die Pilgerväter und ihr Leben. Es ist ja auch noch nicht so lange her. Man kennt fast alle namentlich, viele von ihnen sind auf dem Friedhof begraben, man kennt ihre Lebensgeschichte. Immerhin bilden sie ja auch die Basis der Besiedlung/Eroberung Nordamerikas durch die Europäer. Davon zeugen Monumente, Denkmale, Statuen, Museen. Aber die hatten alle schon zu und so haben wir uns noch was zu essen gesucht und uns für mexikanisch entschieden -- nicht ganz von hier, aber schön warm an diesem kalten Tag. Und wir haben uns noch was mitgenommen.

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Micha möchte gern ergründen, ob das amerikanische Bier so schlecht schmeckt, weil schon die Pilgerväter es nicht besser brauen konnten. Die kamen ja aus England, naja. Morgen geht es jedenfalls nach Deutschland, zumindest fast: im Konsulat wollen wir Mattis "Deutschheit" festschreiben. Auch ein neuer Anfang.

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