Wir sind früh aufgestanden und haben uns mit mitgebrachten Cornflakes und Toast gestärkt, denn heute gehen wir auf die Spur Abraham Lincolns. Springfield ist unsere südlichste Station und von dem angesagten Regen fehlt jede Spur. Stattdessen ist es schon morgens warm und wir beginnen mit Lincolns Wohnhaus. Der ganze Straßenzug ist rekonstruiert und konserviert worden. Holzfußwege und Gaslaternen -- genau wie zu Lincolns Zeiten, als Springfield noch ein aufstrebendes kleines Städtchen war. Abraham Lincoln kam als junger Mann 1837 hierher und all seine Habseligkeiten passten in zwei Satteltaschen. Er hatte schon viele Jobs als Holzfäller oder Schienenarbeiter gehabt und nun ein Anwaltsdiplom in der Tasche. Er zog in die Kammer über einem Einkaufsladen, der Besitzer wurde einer seiner besten Freunde. 1842 heiratete er seine Frau Mary und 1844 zogen sie in dieses Haus.
Besucher dürfen sich nicht allein darin bewegen, sondern machen eine Führung mit. Der Lincoln Home National Park kümmert sich um Verwaltung und Unterhaltung. So genannte Ranger geben Staatsbürgerkunde-Unterricht im besten Sinne und alles ist kostenlos. Im Inneren des Hauses stehen viele originale Möbel der Lincolns, die sie bei ihrem Umzug nach Washington eingelagert hatten. Man orientierte sich an Zeichnungen und Fotografien aus der Zeit und rekonstruierte so die Innenräume. Nach gefundenen Tapetenresten wurde die Wandgestaltung erneuert, die Teppiche wurden nach Mustern aus der Zeit angefertigt. Fotografieren ist erlaubt, wenn auch schwierig in den engen Räumen. Dies ist das Wohnzimmer der Familie -- ja, die Möbel sind so klein wie sie scheinen, unklar wie ein Fast-2-m-Mann wie Lincoln da gut sitzen konnte.
Abraham Lincoln und seine Frau Mary lebten das erste Jahr ihrer Ehe in einem billigen Hotel. Mit ihrem neugeborenen Sohn Robert zogen sie dann hier ein. Als die Familie weiterwuchs, wurde auch das Haus erweitert und eine zweite Etage gebaut. Oben befanden sich nun die Schlafräume und auch Lincolns Schreibtisch steht hier.
Lincoln wurde Partner in einer Anwaltskanzlei und auch sein Büro existiert noch. Das Schild sollte sein Partner hängen lassen, weil Lincoln vor hatte, nach seiner Präsidentschaft wieder als Anwalt zu arbeiten. Die Kanzlei liegt unweit seines Wohnhauses.
Überhaupt hat Springfield ein richtig hübsches Stadtzentrum. Weil die Stadt seit 1865 von Lincoln-Bewunderern besucht wird, hat man hier wohl versucht, die alten Häuserzeilen zu erhalten und so gibt es entlang der 6. Straße, auf dem Weg ins Museum und zur Presidential Library (eine von 11 Präsidenten-Bibliotheken) viele Häuser mit kleinen Läden und Lokalen.
Museum und Bibliothek wurden 2005 gebaut. Wenn man den Aufwand der Ausstellung dann sieht, ist klar, warum hier bezahlt werden muss. Die Ausstellung beginnt in einer Rotunde: links steht eine Blockhütte, die aussieht wie so eine, in der Lincoln 1809 geboren wurde. Man kann sehr gut nachempfinden, dass das Leben der Farmer eigentlich nur aus Arbeit und Lebenserhaltung bestand. Umso beeindruckender, dass der junge Abraham sich hier allein das Leben beibrachte.
In anderen Sälen sind einer seiner Hüte (es existieren noch drei von ihm), Möbel, Urkunden und Kopien seiner berühmten Rede, der Gettysburg Address, Schmuckstücke der Familie oder ein Sessel aus dem Theater zu sehen, in dem Lincoln während einer Vorstellung am 4. April 1865 erschossen wurde. In der Rotunde rechts geht man durchs Portal des Weißen Hauses.
Wachsfiguren der Familie Lincoln und auch seines Kabinetts machen die Szene lebendig. Außerdem gibt es zwei eher kitschige Multimedia-Shows zu sehen. Aber auch ein Spielzimmer mit Spielen aus Lincolns Zeiten. Unser Spiel: Such die Lotti!
Lincoln war schon seit Jahren Gegner der Sklaverei bevor er 1861 Präsident wurde. Kurz darauf begann der Bürgerkrieg, weil sich sieben südliche Sklavenhalterstaaten von der Union lossagten. Aus dieser Zeit stammt Lincolns berühmter Satz: "Ein geteiltes Haus kann nicht mehr stehen.". Lincoln wurde 1865 zu einer zweiten Amtszeit gewählt und die Unionsarmeen der Nordstaaten siegten. Im Frühjahr 1865 entspannte sich also die Lage und Lincoln ging mit seiner Frau nach langer Zeit mal wieder ins Theater. Der Hauptdarsteller des Stückes, John Wilkes Booth war ein glühender Anhänger der Südstaaten, entfernte sich während der Aufführung von der Bühne und erschoss Lincoln in seiner Loge -- in einem solchen Stuhl sitzend (diese Kopie kann man übrigens für 1000 Dollar im Souvenir-Laden kaufen -- ein bißchen makaber...).
Nach vier Stunden kamen wir, mit Informationen abgefüllt, aus dem Museum. Die Presidential Library ist extra zu besichtigen. Nach einem kurzen Nach-Mittagsessen fuhren wir unsere wunden Füße noch zum Friedhof. Abraham Lincolns Sarg wurde mit dsem Zug von Washington nach Springfield gebracht. Auf der Strecke hielt er oft an, um den Menschen Gelegenheit zum Trauern zu geben. In Springfield wurde Lincoln am 4. Mai 1865 auf dem Oak Ridge Cemetary begraben.
Ich glaube, Lincoln hat nicht nur wegen seines tragischen Todes und seiner staatsmännischen Stärke während des furchtbaren Bürgerkrieges so viele Bewunderer. Er lebte auch den berühmten American Dream: in einer einfachen Holzhütte in den Wäldern Kentuckys geboren, arbeitete er sich vom Holzfäller zum gefeierten Anwalt empor. Trotz vieler Rückschläge in seiner politischen Karriere wegen seiner erstmal unpopulären Meinung über die Sklaverei hat er nie aufgegeben und wurde schließlich ins Weiße Haus gewählt. Er war auch privat eine integre Persönlichkeit, hatte viele Freunde und war anscheinend ein fortschrittlicher Familienvater, der außerdem den Tod zwei seiner Söhne zu verkraften hatte. Nur Robert wurde erwachsen und vermachte das Lincoln-Haus 1887 dem Staate Illinois, 1972 ging es an die USA, die daraufhin einen Nationalpark einrichtete.
Zum Schluß noch ein Stopp im Museums-Shop. Mich interessiert ja immer auch die Vermarktung und was sich Besucher so mitnehmen können. Hier sind es vor allem Bücher, natürlich viele Biografien, aber auch Kriminalromane über die Ergreifung des flüchtigen Attentäters. Außerdem Schmuckstücke, Spielzeug, Nachbildungen von Taschenuhren, Schriftstücken und auch von Lincolns Hausschlüssel -- den trage ich jetzt am Schlüsselund, als Erinnerung an einen unvergesslichen Tag.

