Jetzt geht es langsam wieder heimwärts, muss es auch, denn es wird zunehmend stressig. Moritz verwechselt die Hotelzimmer und die Kinder sind im Auto ungenießbar. Ist ja auch verständlich... Also heim, aber vor uns liegen noch einige interessante Stopps. Nur drei Stunden weg von der supermodernen city Chicago liegt eine große Amische-Gemeinde. Im Norden Indianas, abgeschieden zwischen fruchtbaren Feldern leben viele Anhänger dieser christlichen Sekte und ein erstes Zeichen dafür ist dieses.
Die Amischen gehören der Wiedertäuferbewegung an, die für eine Taufe im Erwachsenenalter steht. Die Wiedertäufer wurden im 16. und 17. Jahrhundert in Europa, vor allem in Deutschland und der Schweiz, verfolgt und als Ketzer verbrannt. Sie flohen nach Amerika, nach Pennsylvania, wo die Quäker einen eigenen Staat aufbauen wollten und Religionsfreiheit propagierten. Angekommen zogen sie westwärts und schließlich teilten sie sich in drei große Gruppen auf: die Mennoniten, die weitgehend integriert in die Gesellschaft leben; die Hutter-Brüder, die ihren Glauben gemeinschaftlich lebend und wohnend ausübten und in die Amischen, die jeden Fortschritt um des Fortschritts willen ablehnen und zum Beispiel in Kutschen fahren.
Wir wollen in Shipshewana übernachten, einer von sieben Amisch-Gemeinden in der Gegend. Vor allem bekannt für seinen Riesen-Flohmarkt, jeden Dienstag und Mittwoch. Hier kann man wirklich alles kaufen: Klamotten, Blechschilder, Küchenutensilien, Haarspangen..., allerdings relativ wenig von den Amischen selbst: Holzwaren und Lebensmittel.
Und über allem schwebt das Kreuz.
Wie dieser Kommerz hier allerdings mit den Glaubensregeln der Bescheidenheit und Einfachheit der Amischen zusammenpasst, ist unklar. Micha ist erschöpft und zieht sich ins Hotelzimmer zurück. Ich gehe mit den Kindern noch in den Menno-Hof. Der heißt wirklich so, denn die Amischen sprechen immer noch eine Form von Deutsch, die sich aber isoliert von Europa weiterentwickelt hat und die die Kinder zu Hause und in der Schule hier lernen. Der Menno-Hof ist ein Museum über die Glaubensgemeinschaft und zeigt zum Beispiel typisch amische Kleidung, die sich bewusst jeder Mode entzieht.
Da die Amischen elektrisch betriebene Geräte ablehnen beziehungsweise sehr genau über ihre Anwendung nachdenken (zum Beispiel haben sie Telefon nur außen am Haus), üben sie nur wenige Beufe aus. So sind ihre Holzarbeiten und Töpferei sehr bekannt, vor allem im Quilten von Hand haben sie es zu großer Meisterschaft gebracht. Dabei wählen sie meist geometrische Muster und die Quilts werden als Wandschmuck teuer verkauft.
Die Muster findet man auch in den Quiltgärten, die sie anlegen.
Ansonsten ist das Museum natürlich auch missionarisch angelegt und man verwendet viel Zeit und Platz zum Predigen. Wir als taktvolle, immune, vor allem historisch interessierte Familie lassen das über uns ergehen und lernen außerdem, dass die Amischen sich zum Gottesdienst immer beieinander treffen und keine Kirche brauchen. Die Kinder werden also nicht getauft, sondern sie können sich später dafür entscheiden. Mehr als 75% tun das auch. Nach Jahren der Isolation und Indoktrination ist das aber auch kein Wunder. Sie heiraten früh und bekommen viele Kinder und bleiben für immer in ihren beschaulichen Gemeinden.
Wir essen "deutsch" Kartoffelbrei, außer Moritz und Lotti, die immer wieder Chicken Finger wählen und wir können das Zeug bald nicht mehr sehen. Das Hotel ist aber sehr schön, wir haben sogar einen Extra-Fluchtplan, falls ein Tornado vorbeikommt, es kommt aber keiner und wir schlafen sehr angenehm. Morgens steigen wir in unsere "Kutsche" und fahren ostwärts, dem Erie-See entgegen.

