Mitten in New York City, in den Räumen der Columbia University trafen sich in der ersten Augustwoche mehr als 200 Entwickler aus aller Welt, um ihr Lieblingsbetriebssystem Debian zu feiern. Zwei der Teilnehmer waren Dr. Yaroslav O. Halchenko und Dr. Michael Hanke, um der Geek-Gemeinde ihre Fortschritte auf dem Gebiet der Debian-basierten neurowissenschaftlichen Forschung vorzustellen. VoxinDeserto hat exklusiv mit Dr. Michael Hanke über seine Eindrücke gesprochen.
ViD: Wer trifft sich auf dieser Konferenz?
Debian ist ein Projekt, das die Entwicklung des universellen Betriebssystems zum Ziel hat, daher kommen auch viele verschiedene Leute, die ganz unterschiedliche Dinge machen. Zur DebConf (DEBian CONFerence) kamen Wissenschaftler, Programmierer, private Nutzer, Leute mit Bart, Leute ohne Bart, Männer in Röcken, Leute aus aller Welt. Sie hielten und hörten Vorträge über Datensicherheit und Speicherung, über Debian in den Wissenschaften und als Betriebssystem in großen Firmen. Doch auch mit über 200 Teilnehmern werden noch nicht alle Facetten beleuchtet -- Debian ist das größte Softwarearchiv auf diesem Planeten, mit über 25.000 sofort installierbaren Paketen für jeden erdenklichen Bedarf. Das Besondere ist, dass hinter Debian keine Firma steht, die die Geschicke lenkt. Debian ist ein sich selbst organisierendes Projekt von etwa 3000 Freiwilligen, die machen, was sie für richtig halten -- inklusive jährliche demokratische Projektleiterwahlen. Debian ist einzigartig.
ViD: Dann ging es auf der DebConf also im Wesentlichen darum, Debian weiter voran zu bringen?
Nicht nur. Die Tage waren vollgepackt mit Vorträgen und der Möglichkeit, gemeinsamen zu programmieren. Es ging vor allem auch ums persönliche Kennenlernen und Gedanken austauschen. Normalerweise stehen die Debianer über E-Mail und IRC in Kontakt, doch diese Art der Kommunikation bietet oft nur wenig Gelegenheit, die Mensch hinter den Spitznamen kennen zu lernen. Daher gab es auch eine Cheese-and-Wine-Party und da brachte jeder Käse und Wein aus seinem Heimatland mit. Weil kein Freyburger Sekt und Harzer Roller verfügbar waren, habe ich Cider und New Hampshire Käse mitgebracht. Der Hammer war jedoch der zwanzig Jahre alte Mezcal-Käse aus Mexiko.
ViD: Was haben Sie zur Konferenz beigetragen?
Ich habe mit meinem Kollegen Dr. Halchenko einen Vortrag über NeuroDebian gehalten. An diesem Projekt arbeiten wir seit fünf Jahren und es geht darum, Debian in den Neurowissenschaften als Forschungsplattform zu etablieren. Wir paketieren Software, die Neurowissenschaftler zum Beispiel zum Auswerten von MRT-Daten benutzen. Das heißt, wir integrieren unterschiedliche Programme von verschiedenen Forschungsinstituten so, dass sie zu einer vielseitigen Forschungsumgebung aus einem Guss verschmelzen -- und manchmal schreiben wir auch etwas selbst. Unser Vortrag kam gut an und wir hatten einige Zuschauer, die selbst gar keine Neurowissenschaftler sind und sich trotzdem für unsere Bemühungen interessieren. Per Livestream konnten Leute aus der ganzen Welt zusehen (Videoaufzeichung in hoher und niedriger Auflösung).
ViD: Was war Ihr herausragendes Erlebnis?
Es war eine sehr intensive Woche. Der Vortrag von Eben Moglen über die freedom-box war einer der Höhepunkte (Aufzeichnung verfügbar). Es ging um seine Vision, wie wir die Kontrolle über unsere persönlichen Daten zurückerlangen können und aufhören, Google, Facebook und die anderen Kraken weiter zu füttern. Moglen meint, man könnte mit der heutigen Hardware und ein wenig mehr Debian seine persönliche Kommunikation einfach allein abwickeln und so sehr schnell sehr unabhängig von Mobilfunkprovidern und anderen Monopolisten werden: Demokratisierung durch Dezentralisierung. Spannende Zeiten kommen auf uns zu -- und Debian wäre nicht Debian, wenn die Arbeit nicht bereits begonnen hätte.
ViD: Nun saßen die Teilnehmer ja nicht jeden Tag im abgedunkelten Keller an ihren Rechnern. Was haben Sie noch unternommen?
Ich war schon ein paar Mal in New York City und habe mir daher den Ausflug nach Coney Island, auf den Rummelplatz gespart. Stattdessen habe ich mit meinem Kollegen in der New York Public Library an unserem Vortrag gefeilt. Doch eine Führung durch die Manhattan Trinity Church haben wir uns nicht entgehen lassen:
(Foto Wikipedia)
Als am 11. September das World Trade Center zusammenbrach, wurde auch die Orgel der nahegelegenen Trinity Church durch den Staub zerstört -- der Organist flüchtete in Panik (das WTC ist nur 200m weit weg) und ließ das Gebläse an. Diese Kirche liegt direkt neben der Wall Street und man sagt, dass die Banker dort morgens um Erfolg beten und abends zur Beichte kommen. Jedenfalls hat die Gemeinde viel Geld und konnte sich daher auf ein Experiment einlassen: Sie beauftragte die Firma Marshall & Ogletree aus Connecticut mit dem Bau einer neuen Orgel. Diese Leute fuhren durch die halbe Welt und nahmen die Töne jeder einzelnen Pfeife einer ganzen Reihe berühmter Orgeln auf. Das Besondere ist nun, dass die neue Orgel keine einzige Pfeife hat. Statt dessen werden die Aufnahmen der Orgelpfeifen durch einem Stapel Linux-Rechner so kombiniert und verändert, dass das Resultat besser ist als die Originale. Man braucht dann "nur" noch ein paar gute Lautsprecher und einen, der was von Akkustik versteht. Organisten und Musiker aus der ganzen Welt haben Opus1 schon gespielt und sind begeistert. Hörbeispiele hier.
ViD: Mit welchen Ergebnissen kehren Sie nach Hanover zurück?
Vor allem haben wir Kontakte vertieft und neue Leute kennengelernt. Ich hoffe, dass wir nun noch besser voran kommen als vorher.
ViD: Die nächste DebConf findet in Banja Luca, in Bosnien statt. Werden Sie im nächsten Jahr wieder teilnehmen?
Die Treffen finden meist im August statt. Nächstes Jahr werde ich um diese Zeit mit meiner Familie im Umzugsstress sein, denn dann geht es wieder zurück nach Deutschland. Aber im Jahr 2012 wird sie wahrscheinlich in Brasilien stattfinden, und da war ich auch noch nicht.

