Zu den Schattenseiten des Elterndaseins gehört zweifellos der "unterbrochene Nachtschlaf". Er ist dadurch definiert, dass die den Eltern anvertrauten Kinder nicht durchschlafen und beim Aufwachen der elterlichen Hilfe bedürfen, sie wieder in den Schlaf zu führen. Die Gründe für das Aufwachen sind höchst unterschiedlicher Natur. Meist handelt es sich um Träume, das können gute oder schlechte sein, in jedem Fall aufregend genug, um aufzuwachen und sich durch ein kräftiges "MAMA" oder dem Alter adäquaten Laut ("WUÄÄÄHHH") der Anwesenheit der Beschützer zu versichern.
Wenn das Kind krank ist, wacht es öfter auf, weil es durch seine verstopfte Nase nicht richtig atmen kann, der Hals weh tut oder der Brechreiz unaufhaltbar drängt. Charlotte war so ein "Kotzkind", die öfter von den allseits beliebten Rota- oder Noro-Viren heimgesucht wurde und dann sehr gerne ihr kleines Kinderzimmer verseuchte, es auch manchmal ins Wohn- oder elterliche Schlafzimmer schaffte, bevor sie ihr Inneres nach Außen stülpte. Moritz dagegen wurde von Träumen geplagt bzw. unbegründeten, absolut irrationalen Verlustängsten, was ihn über Jahre dazu brachte, nachts aufzuwachen und schlafend und schreiend durch die Wohnung zu wandeln.
Mattis nun hat seine Gründe noch nicht offen gelegt. Mal ist er krank, mal träumt er, mal zahnt er, mal braucht er körperliche Nähe. In jedem Fall bringen diese multiplen Ursachen seine Eltern dazu, morgens die Farbe ihrer Augenringe zu vergleichen.
Die Kinderärztin, die bei seinem Check-up zum ersten Geburtstag außerordentlich zufrieden mit ihm war (er hat aufgehört explodierend zu wachsen, ist nun 83 cm groß und 12 kg schwer und schenkte ihr sein schönstes Milchzähnchen-Blitze-Lächeln), riet nun, ihn doch mal schreien zu lassen. Jaa, da bricht einem das Herz, wenn man Erst-Elter oder Nicht-Elter ist... nicht jedoch, wenn man jeden Tag um letzte individuelle Bedürfnisse wie Schlaf und einen Rest körperliche Integrität, die auch das eigene Kissen mit einbezieht, kämpft. Anfang letzter Woche also wurde das Experiment gestartet, das dadurch erschwert wird, dass Mattis mit uns ein Zimmer teilt und natürlich genau weiß, das wir uns nur Zentimeter von ihm entfernt ängstlich unter der Decke verbergen. Und siehe, Donnerstag Nacht wachte er zwar auf, legte sich aber auch selbständig wieder hin, um weiterzuschlafen.
Nun aber ist er krank geworden. Eine dieser tückischen, grausamen Erkältungen hat ihn heimgesucht und all unsere Bemühungen zunichte gemacht. Denn natürlich braucht das Kind nun die elterliche Fürsorge im elterlichen Bett und darf auch durch korrigierendes "Wieder-Längs-Hinlegen" nicht in seinem Heilungsprozess gestört werden, denn sonst quält es die Krankheit schlimmer als jemals zuvor.
Da liegen wir nun, wir Eltern, voneinander weit entfernt an verschiedenen Enden des Bettes, geschickt den Rotzspuren auf unseren Kissen ausweichend -- unter der Decke finden sich lautlos unsere Hände.

