Es war ein bißchen wie Weihnachten diesmal, nur ohne Geschenke -- warten aufs Essen sozusagen. Wochenlang war Thanksgiving das Thema Nr. 1, überall. Es wurde gebastelt und gebacken und erzählt und gespielt. Thanksgiving ist wirklich das wichtigste Familienfest hier, viel wichtiger als Weihnachten. Und wer sich nicht in den Feiertagsstau stellen mag, um zusammen einen 26-Pfung-Truthanh zu verspeisen, der ruft wenigstens die ganze Familie an und wünscht sich "Happy Thanksgiving". In der Schule wurde gegessen wie die Pilger, nicht ganz so ärmlich, aber traditionell: Suppe, Kartoffelbrei, Pumpkin Pies.
Dann wurde die Thanksgiving Geschichte vorgelesen, wie die "Mayflower"-Pilger ankamen, wie sie hungerten und hart arbeiteten und dann im zweiten Jahr nach ihrer Ankunft endlich soweit sesshaft geworden waren, dass sie ein großes Erntedankfest feiern konnten. Natürlich wurde verschwiegen, dass die frommen Pilger besonders in der ersten Zeit bei ihren indianischen Nachbarn Lebensmittel klauten. Aber auch davon gibt es verschiedene Versionen und vielleicht kommt die vergleichende Interpretation mit historischem Hintergund ja noch in den höheren Klassen.
Die Kinder jedenfalls wurden angehalten, zu überlegen, wofür im Leben sie dankbar sind und das ist eine gute Sache, wie ich finde. Denn selbst Ich-hasse-kleine-Brüder-Charlotte war auf einmal dankbar für ihre Familie. Am Mittwoch war schon frei und wir wanderten nach langer Zeit mal wieder zur Storytime in die Bibliothek. Die findet ja nun immer statt, wenn alle in der Schule sind. Umso mehr haben sie sich gefreut und gebastelt wurde diesmal ein Truthahn aus Äpfeln, Cranberries und Marshmellows.
Ein fertiges Exemplar ließ sich nicht fotografieren, denn die Marshmellow-Flügel verschwanden wie von Geisterhand, während Äpfel und (saure) Cranberries liegen blieben. Außerdem schauten wir uns eine Ausstellung der Rayschool-Kunstklassen an, in der auch ein Werk Charlottes gezeigt wurde.
Das Kind hatte also seine erste Ausstellung! So gesegnet gingen wir heim zu den anderen Basteleien, u.a. einer Thanksgiving-Tafel fürs Fensterbrett und einem echten Brown-bag-Turkey.
Gestern nun stand der Meister im Prinzip nur in der Küche. Es sollte Klösse, Rosenkohl, geschmortes Gemüse und natürlich die Ente geben. Bis dahin vertrieben wir uns die Zeit mit einem von Charlotte entworfenen Spiel. Alles selbst gemalt und ausgedacht, inklusive Regeln, die anfangs sehr nach Charlottes Gusto ausgelegt wurden, besonders wenn Moritz am Gewinnen war. Aber in der letzten Version haben wir das dann behoben und vielleicht wird Charlotte ja mal Spieleentwickler...
Abends gab es dann den Festschmaus und wir waren so gebannt, dass niemand an ein Foto gedacht hat. Wie wir geschlemmt haben, bleibt also eurer Phantasie überlassen...

