Wie wir Deutschen die unsinnige Verlängerung an sich sinniger Wörter lieben, so mögen es die Amerikaner, alles bis zur Unkenntlichkeit zu verkürzen. So existieren zum Beispiel Vornamen wie James und Robert nur auf dem Papier, denn Jims und Bobs laufen herum. Eine Bekannte mit dem schönen Namen Miriam wird nur Mickey genannt... Micha konnte sich des "Mike" erfolgreich erwehren, die Kollegen schätzen ihn so, dass sie ihm zwei Silben gönnen. Im Straßenverkehr zeigt sich ebenfalls, dass es besser ist, es kurz zu machen:
Ja, kein "Fußgängerüberweg", ein Ped-xing, also irgendetwas mit "pedestrians" = Fußgängern, das muss reichen. Dieses Schild gibt es auch für Reiter (Equ-xing) und sogar für Katzen (cat-xing). Genauso verhält es sich mit Berufsbezeichnungen, Gegenstandsnamen und natürlich Daten: einen 9/11 würde es in Deutschland wohl niemals geben, allerdings ist 11. September auch weniger griffig. Ebenso griffig finde ich, dass viele Dinge intuitiv benannt sind. So gibt es hier keinen Reißverschluss (man lasse sich das Wort bitte auf der Zunge zergehen!), sondern einen zipper, denn das Ding macht nunmal "zip", wenn man es bedient und das Wort ist natürlich sehr viel kürzer. Also ich liebe ja die deutsche Sprache, doch nehme mir ab heute ein Beispiel und verpreche hiermit, nie wieder eine solche Überschrift zu benutzen!
Die deutsche Mannschaft kann Hoffnung schöpfen: Moritz geht wieder zum Training und ist heute an seinem 1. Tag respektvoll begrüßt worden. Schweini, Poldi und Özil sind allen Trainern bekannt und man bedauerte allgemein, dass sie "nur" den 3. Platz gemacht haben. Moritz gilt als deutscher Nachwuchsspieler.
Diesmal richtet das Dartmouth College das Fußballtraining aus. Moritz Trainer Angus kommt aus Schottland und pflegt seinen Akzent, allerdings müssen sich die Kinder daran gewöhnen. Als er sie das erste Mal aufgerufen hat, hat keines seinen Namen verstanden. Neun Uhr morgens geht es los, mittags ist es dann schon heiß und die Kids entsprechend müde. Moritz ist in der Gruppe der 5 - 7jährigen. Das macht es ihm diesmal schwerer, vorne mitzuspielen. Aber er wird mehr und mehr zum Mannschaftssportler und geht auch mal in die Verteidigung, wenns sein muss.
Ein schönes Erlebnis hatten wir mit ihm letzte Woche im Kindergarten. Dort spielten die Kinder mit einem Studenten Fußball. Moritz erzählte mir dann, dass er und Sam (der Student) alleine in einer Mannschaft waren und gegen sechs andere Kinder gespielt hätten. Als ich ihn fragte, wieso er nicht auch in der Kindermannschaft gespielt hätte, meinte er, er wollte Sam doch nicht allein spielen lassen. Und so haben sie eben verloren, aber immerhin als Mannschaft. Der Junge hat ein großes Herz. Heute hat Moritz schon ein Tor geschossen, er ist ehrgeizig. Mattis muss auch mit zum Training. Er trainiert, sich umzudrehen -- aber im Schatten.
Der Independence Day begann sonnig und entwickelte sich zur Hitzekeule und seitdem ist es wenig kühler geworden. Trotzdem sind wir auf den Green spaziert, um der traditionellen Parade beizuwohnen. Hanover ist nur eine kleine Stadt, daher war die Parade auch nicht so lang, aber alle wichtigen Persönlichkeiten der Stadt waren anwesend. Eine Postkutsche markierte die gloriose Anfangszeit der Stadt im 18. Jahrhundert.
Außerdem zeigten ein paar Oldtimer-Liebhaber ihre Automobile, immer schön geschmückt in Red-White-and-Blue.
Es ging zu wie auf einem richtigen Volksfest, auch die Feuerwehr präsentierte sich auf dem Rasen und die Kinder nutzten die Gelegenheit. Lotti trug zur Feier des Tages ihre Colonial-Day-Schürze und Haube.
Micha erklärte derweil einem Feuerwehrmann, der nächste Woche nach Bremen fährt, dass er sich das Public-Viewing nicht entgehen lassen sollte. Dass es dort auf offener Straße auch Bier zu kaufen gäbe, imponierte dem Firefighter besonders. Lotti lieh sich derweil seinen Helm aus.
Unsere Lieblingsakteure waren die Musiker einer lustigen Brass-Band namens "Mad Bavarians" -- die spielten "Die Berliner Luft" -- mitten in Hanover, als Bayern.
Es war eben wirklich heiß!
Endlich in der 77. Minute des Trainings wurde das Spiel angepfiffen: Moritz ging sofort an den Ball, dribbelte sich im Alleingang mangels Abspielmöglichkeit bis zum gegnerischen Tor vor, das merkwürdigerweise von vier Keepern beschützt wurde. Diese waren aber viel zu sehr mit ihren ulkigen Leibchen beschäftigt, so dass Moritz den Ball butterweich in der linken Ecke versenken konnte...
Das Poldi-Shirt ist noch verschwitzt vom gestrigen Training, bei 28 Grad Hitze kein Wunder. Heute also ein anderes Shirt und sonst in voller Montur. Moritz liebt seinen neuen Ball, den er gestern zum Auftakt geschenkt bekam. Zwar sollten wir ihn für heute dekorieren und bemalen, aber Moritz wünschte sich nur seine Initialen drauf. Typisch deutsch: Schönheit spielt keine Rolle, nur effizient muss er sein.
Coach John und Coach Chris managen das Fußballtraining für zehn 4 -6jährige, deren Disziplin allerdings manchmal zu wünschen übrig lässt. Ein guter Zeitpunkt, mal kurz über amerikanische Erziehung zu sprechen. Diese läuft nämlich hyper-demokratisch ab, alles wird diskutiert und oft gewinnen die Kinder. Disziplinlosigkeit gilt oft als Originalität und wird belacht und jeder Mini-Erfolg wird über den grünen Klee gelobt -- Good Job, Buddy! -- weshalb die Kinder zwar ein riesiges Selbstbewusstsein haben, aber wenig können. So auch hier -- und deshalb spielt es fast keine Rolle, in welcher Mannschaft Moritz spielt, er muss sowieso alleine aufs Tor gehen.
Ansonsten ist das Training sehr schön, mit vielen Reaktionsspielen, Dribbeltraining und Mannschaftsspielen. Coach Chris machte sich anfangs noch kurz über Poldis verschossenen Elfmeter lustig, zeigte sich dann aber beeindruckt von Moritz Kunst und gab schließlich zu, sogar Geld auf den Sieg Deutschlands bei der WM gesetzt zu haben. Mittwoch nehmen wir wohl unsere Deutschlandflagge mit zum Training und vielleicht zwei heimliche Becks Biere für die Jungs. Wir wissen ja wie die Engländer so drauf sind...
Das Nationalbewusstsein der Amerikaner ist sprichwörtlich. Und natürlich wird das von Kindesbeinen an aufgebaut. Ich hatte schon von der Vielzahl "politischer" Bücher für Kinder geschrieben. Das Ganze wird bestärkt durch das ständige Vor-Augen-Haben der Flagge und jeder Menge nationaler Feiertage wie dem Flag Day, dem Memorial Day und natürlich dem 4. Juli.
Die Schule als staatliches Gebäude hat auch eine Flagge vor der Tür und in jedem Klassenraum! Ich fühle mich da ein wenig an die Kreuz-und-Kopftuch-Diskussion erinnert.
Die größten Flaggen haben übrigens die Supermärkte und Einkaufszentren. "Buy american" ist ein beliebter Werbespruch. In der Schule sagen die Kinder jeden Tag das Treuegelöbnis zur Flagge auf. Auch Charlotte hat es gleich vom ersten Tag an lernen müssen und natürlich mit aufgesagt. Erstmal hört es sich bei den Kindern wie ein heruntergeleiertes Gedicht an, da sie die Tragweite dieses Schwurs noch nicht ermessen können. Aber Propaganda wirkt.
"I pledge allegiance to the flag of the United States of America, and to the republic for which it stands, one nation under God, indivisible, with liberty and justice for all."
Es existiert auch eine offizielle Übersetzung ins Deutsche:
"Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden."
Nunja. Die Nationalhymne "Star Spangled Banner" kann hier sowieso jeder auswendig, fehlt nur noch das Fahnenappell am Sonnabend. Auch der Sing-along, wo lustige Kinderlieder zum Besten gegeben werden, ist Hort der nationalen Erbauung, einige Beispiele konnte man im Blog schon hören. Damit ist nun aber Schluss: heute ist der letzte Schultag und es beginnen neun Wochen Sommerferien!