Um euch einen Überblick zu geben, wie weit wir bisher rumgekommen sind,
haben wir mal eine kleine Karte gemacht. Die eingefärbten Bundestaaten haben
wir in der einen oder anderen Form bereist. Jede Stecknadel steht für eine
Station, wo wir einen oder mehrer Tage verbracht haben. Die grünen auf unserer
Ostküsten-Tour, die blauen auf der Great-Lakes-Tour und die roten für alle
anderen Ausflüge.
Wie man sieht, wird es Zeit, dass wir mal den Westen und Süden in Angriff
nehmen...
und wir haben ja mittlerweile genügend Übung. Auf unserer Tour haben wir unsere Hotels immer per Laptop online gebucht. Auch Restaurants in der Nähe oder Eintrittskarten haben wir online gesucht und reserviert. Das hat prima geklappt und wir wurden immer besser darin, die besten Angebote herauszufinden. Wir haben immer einen Raum für alle gebucht, der hatte dann zwei Betten und Mattis Bettchen stand manchmal auf zwei Stühlen.
Das geht bald nicht mehr, denn er ist nun wirklich zu groß dafür. Die Zimmer waren zwar eng, aber Moritz hatte immer noch genug Platz, um Fußball zu spielen.
Mattis wurde, wenn nötig, im Waschbecken gebadet.
Und ganz eng zusammen gefällt es uns ja sowieso am besten. Essen geht auch mit zwei Stühlen, das spart das Hotel-Dinner.
Und hier mal eine Statistik der Great-Lakes-Tour in Zahlen:
1 Auto
5 Leute
6 Springfields
8 Bundesstaaten
13 Tage
58 Stunden Fahrt insgesamt
4500 km Reisestrecke
Aber jetzt sind wir froh, wieder hier zu sein und auch über eine Trennung: die Schule geht wieder los. Heute haben wir die neuen Lehrer kennengelernt und ich setze mich jetzt hin und werde eine Zuckertüte basteln. Sowas gibts hier nämlich nicht und Moritz soll doch zum Vorschulanfang wenigstens eine ganz kleine bekommen.
Reden wir nicht von unserer Fahrt nach Binghampton, wir alle waren froh, als die acht Stunden rum waren. Dieses Land ist einfach so verdammt groß. Als kleines Schmankerl hatte Micha für uns das "Grand Royal"-Hotel ausgesucht, ehemals Rathaus der Stadt. Es hatte einen etwas morbiden Charme, doch in so einem herrschaftlichen Frühstücksraum hatten wir tatsächlich noch nie Labbertoast, Cornflakes und Wasserkaffee gespeist.
Weiter gings heimwärts -- mit einer langen Pause im Geburtsort des Baseball! Das war nochmal schön. Cooperstown ist sehr hübsch, viele Häuser im Kolonialstil mit Säulen und Terrassen und außerdem Sterbeort des Schriftstellers James Fenimore Cooper. Und der ganze Ort ist verrückt nach Baseball.
Moritz Kindergartenkumpels sind naturgemäß alle Baseball-Fans, weshalb das auch an ihm nicht spurlos vorüberging. Er war also begeistert von den vielen kleinen Läden, in denen man handgemacht Batts (Schläger), T-Shirts und vor allem Sammelkarten kaufen konnte.
Die Hall of Fame und das Museum wurden in den 1930er schon erbaut. Sie sind allerdings nichts für Anfänger wie uns. Ins Pantheon des baseball-Größen pilgern die wirklichen Fans und so haben wir uns nur einen Besuch im Wachsfigurenkabinett der Baseballstars gegönnt, das allerdings auch sehr witzig war.
Für alle, die sich für die Heros des Baseball interessieren, hier ein paar Namen: Ty Cobb, Babe Ruth oder Shoeless Joe Jackson. Für Amerika-Kennenlerner wie uns ist es natürlich sehr wichtig, dieses heilige Spiel genauer zu betrachten und so zog es uns nun zu dem Ort, an dem 1838 angeblich Baseball erfunden wurde. Heute steht hier ein Baseball-Stadion.
Das Spiel haben wir uns nicht zu Ende angeschaut, denn uns zog es nun heim. Das war kein Erholungsurlaub und deshalb waren wir nun wirklich kaputt. Doch vor uns liegt ein ruhiges Wochenende, bevor am Mittwoch wieder die Schule beginnt.
Wow, schon Teil 11, wir sind immer noch dabei, unsere vielen Eindrücke zu sortieren, aber wir nähern uns der Heimat, immer bemüht, aus jedem Stopp ein Erlebnis zu machen. Das klappt aber nicht immer, wie im Falle von Port Clinton am Erie See. Wir kommen am frühen Nachmittag und die Sonne scheint. Weil wir noch nicht ins Hotel können, fahren wir gleich weiter nach Marblehead direkt an der Spitze einer Halbinsel.
Wieder der Eindruck vom Meer, sogar eine kleine Brandung braust an die "Steilküste", denn es weht ein ordentlicher Wind hier.
Nicht dass es besonders heiß wäre, aber Lotti hat die Gabe, einfach in jedes Wasserloch zu fallen, dem sie zu nahe kommt. Moritz Hosen bleiben weitgehend trocken. Wir lassen es uns gutgehen.
Marblehead ist ein Dorf am See, in der Nähe wird Kalkstein abgebaut und verschifft. Ansonsten wird hier gefischt und der Tourismus spielt eine große Rolle. An der Küste steht der Marblehead Leuchtturm von 1822. Er ist immer noch in Betrieb und frisch renoviert.
Der Lake Erie ist der flachste der fünf Großen Seen und touristisch besonders genutzt. Auf den Erie Islands gibt es einen großen Rummelplatz und jede Menge Kneipen. Wir sparen uns die Überfahrt, denn Wasser haben wir schon viel gesehen auf unserer Reise.
Zurück Richtung Hotel halten wir vergeblich Ausschau nach einem Fischrestaurant, denn hier werden Barsch und Zander gefangen. Schließlich empfiehlt man uns eines -- und es ist furchtbar. Was man dem bunten Barsch und dem zarten Zander hier antut, ist unbeschreiblich: sie werden in Panade erstickt und in heißem Öl ersäuft. Schade.
Mal abgesehen davon, dass man in vielen Gaststätten von Papptellern isst, ist die Esskultur wirklich zum Weinen. Wir sehnen uns nach einfachem Brot und Obst zum Frühstück, einer simplen Gemüse-Suppe, einfach nach Leichtigkeit und Frische. Das alles scheint es in der amerikanischen Küche nicht zu geben. Port Clinton ist auch kein Hingucker, viele Hotels, wenig Strand. Wenigstens einen schönen Sonnenuntergang haben sie hier.
Morgen fahren wir nochmal eine Mammut-Etappe bis zur Übernachtungsstation Binghampton und dann geht es heimwärts. Mit einem kleinen Schlenker...
Jetzt geht es langsam wieder heimwärts, muss es auch, denn es wird zunehmend stressig. Moritz verwechselt die Hotelzimmer und die Kinder sind im Auto ungenießbar. Ist ja auch verständlich... Also heim, aber vor uns liegen noch einige interessante Stopps. Nur drei Stunden weg von der supermodernen city Chicago liegt eine große Amische-Gemeinde. Im Norden Indianas, abgeschieden zwischen fruchtbaren Feldern leben viele Anhänger dieser christlichen Sekte und ein erstes Zeichen dafür ist dieses.
Die Amischen gehören der Wiedertäuferbewegung an, die für eine Taufe im Erwachsenenalter steht. Die Wiedertäufer wurden im 16. und 17. Jahrhundert in Europa, vor allem in Deutschland und der Schweiz, verfolgt und als Ketzer verbrannt. Sie flohen nach Amerika, nach Pennsylvania, wo die Quäker einen eigenen Staat aufbauen wollten und Religionsfreiheit propagierten. Angekommen zogen sie westwärts und schließlich teilten sie sich in drei große Gruppen auf: die Mennoniten, die weitgehend integriert in die Gesellschaft leben; die Hutter-Brüder, die ihren Glauben gemeinschaftlich lebend und wohnend ausübten und in die Amischen, die jeden Fortschritt um des Fortschritts willen ablehnen und zum Beispiel in Kutschen fahren.
Wir wollen in Shipshewana übernachten, einer von sieben Amisch-Gemeinden in der Gegend. Vor allem bekannt für seinen Riesen-Flohmarkt, jeden Dienstag und Mittwoch. Hier kann man wirklich alles kaufen: Klamotten, Blechschilder, Küchenutensilien, Haarspangen..., allerdings relativ wenig von den Amischen selbst: Holzwaren und Lebensmittel.
Und über allem schwebt das Kreuz.
Wie dieser Kommerz hier allerdings mit den Glaubensregeln der Bescheidenheit und Einfachheit der Amischen zusammenpasst, ist unklar. Micha ist erschöpft und zieht sich ins Hotelzimmer zurück. Ich gehe mit den Kindern noch in den Menno-Hof. Der heißt wirklich so, denn die Amischen sprechen immer noch eine Form von Deutsch, die sich aber isoliert von Europa weiterentwickelt hat und die die Kinder zu Hause und in der Schule hier lernen. Der Menno-Hof ist ein Museum über die Glaubensgemeinschaft und zeigt zum Beispiel typisch amische Kleidung, die sich bewusst jeder Mode entzieht.
Da die Amischen elektrisch betriebene Geräte ablehnen beziehungsweise sehr genau über ihre Anwendung nachdenken (zum Beispiel haben sie Telefon nur außen am Haus), üben sie nur wenige Beufe aus. So sind ihre Holzarbeiten und Töpferei sehr bekannt, vor allem im Quilten von Hand haben sie es zu großer Meisterschaft gebracht. Dabei wählen sie meist geometrische Muster und die Quilts werden als Wandschmuck teuer verkauft.
Die Muster findet man auch in den Quiltgärten, die sie anlegen.
Ansonsten ist das Museum natürlich auch missionarisch angelegt und man verwendet viel Zeit und Platz zum Predigen. Wir als taktvolle, immune, vor allem historisch interessierte Familie lassen das über uns ergehen und lernen außerdem, dass die Amischen sich zum Gottesdienst immer beieinander treffen und keine Kirche brauchen. Die Kinder werden also nicht getauft, sondern sie können sich später dafür entscheiden. Mehr als 75% tun das auch. Nach Jahren der Isolation und Indoktrination ist das aber auch kein Wunder. Sie heiraten früh und bekommen viele Kinder und bleiben für immer in ihren beschaulichen Gemeinden.
Wir essen "deutsch" Kartoffelbrei, außer Moritz und Lotti, die immer wieder Chicken Finger wählen und wir können das Zeug bald nicht mehr sehen. Das Hotel ist aber sehr schön, wir haben sogar einen Extra-Fluchtplan, falls ein Tornado vorbeikommt, es kommt aber keiner und wir schlafen sehr angenehm. Morgens steigen wir in unsere "Kutsche" und fahren ostwärts, dem Erie-See entgegen.
Wir frühstücken am liebsten privat. Nicht weil es zu teuer wäre oder weil die
Kinder zu früh munter wären -- wir haben das "Continental Breakfast" der
meisten Hotels einfach über. So kommen wir wenigsten zu unserer Portion Obst
und der Apfelsaft schmeckt, auch wenn wir auf getoastetes Brot verzichten
müssen. Dann werden Schnitten geschmiert -- ja, wie früher -- und los geht es
zum Willis Tower, ehemals Sears Tower und bis vor einigen Jahren noch das
höchste Gebäude der Welt.
Auf dem Weg dahin zickzacken wir durch die Innenstadt , den so genannten
Loop und kommen an vielen Gebäuden berühmter Architekten und Designer
vorbei. So kam Ludwig Mies van der Rohe in den 1940er Jahren hierher, um an
der Universität zu lehren und zu bauen. Dieses dreiteilige Gebäude, gruppiert
um einen Hof, stammt von ihm.
Ansonsten bestimmen vor allem Wolkenkratzer das Bild. Weil die Stadt zwischen
1880 und 1890 ihre Einwohnerzahl auf eine Million verdoppelte und sich die
Grundstückspreise verneunfachten, mussten immer höhere Häuser gebaut
werden, um die Flächen zu nutzen. Die ersten Wolkenkratzer mit
Stahlskeletten wurden in Chicago gebaut und bis heute kann man sich am
Detailreichtum mancher Häuser, vor allem aus der Art-Deco-Ära, kaum
sattsehen.
Kanäle und Arme des Chicago Rivers durchziehen die Stadt, öffnen den Blick und
sorgen für frische Luft. Den Beinamen "windy city" bekam Chicago
wahrscheinlich, weil starke Nordwestwinde und Seewinde vom Michigan-See her in
die Stadt wehen und durch die hohen Häuser noch kanalisiert und verstärkt
werden.
Insgesamt macht die Stadt einen harmonischen Eindruck, alles wirkt luftig und
sauber und vor allem fertig. Luft kann strömen, Sonnenlicht kommt durch,
überall kann man sich niederlassen und die ganz unterschiedlichen Gebäude auf
sich wirken lassen.
Der Willis Tower kommt erst in Sicht, als man schon fast vor ihm steht -- er
ist der höchste Wolkenkratzer der USA.
Zuerst erzählt ein Film die Baugeschichte des Towers, der von der Firma
Sears 1971 in Auftrag gegeben und in drei Jahren Bauzeit errichtet wurde.
Schnelle Fahrstühle bringen uns dann in einer Minute aufs Skydeck im 103 Stock,
von wo man einen 360 Grad Ausblick auf die Stadt genießen kann. Der
Michigan-See funkelt und es ist kein Ufer zu sehen.
Die kleine Ausstellung über Chicago ist sehenswert. Etwas Besonderes sind die
Ledges, Glaswürfel, die man an die Fassade gebaut hat. Die Kinder sind
natürlich todesmutig und gehen, ohne mit der Wimper zu zucken, da rein.
Und ja, Mattis ist auch wieder dabei und sogar wach diesmal.
Nach einer Still- und Essenspause im Hotel geht es zur Bootsanlegestelle.
Chicago lässt sich am besten vom Schiff aus entdecken. Immerhin sind Fluss und
See auch die Ursachen für die Gründung Chicagos. Der Kaufmann Jean-Baptiste
Point du Sable, Sohn eines Franzosen und einer schwarzen Sklavin, baute um 1770
hier eine Handelsstation und kaufte Pelze von den Indianern. Noch 1830 lebten
hier nur 100 Menschen, dreißig Jahre später war Chicago ein wichtiger
Knotenpunkt des Handels und ist heute drittgrößte Stadt der USA.
Auf der Tour wird uns aus der kurzen Geschichte der Stadt erzählt. Bei dem
großen Brand von Chicago im Jahre 1871 wurde ein Großteil der Innenstadt,
meistens Holzhäuser, zerstört. Dann kamen Architekten wie Frank Lloyd Wright
hierher, denn große Flächen in der Innenstadt sollten neu und experimentell
bebaut werden. Nach 1945 ging es mit der Stadt aber langsam bergab, viele Leute
zogen in die Vororte, große Industrie- und Lagerflächen leerten sich. Aber die
Innenstadt ist belebt und bewohnt, denn viele ehemalige Fabriken und
Lagerhäuser sind heute Wohndomizile, Brachflächen sind bebaut.
Das neueste Gebäude ist der gerade fertigggestellte Trump-Tower von 2009,
zweitgrößtes Hochhaus Chicagos.
Die Ufer müssen nun wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden,
Vermieter und Bauherren werden verpflichtet, kleine Spazierwege und Parks
anzulegen.
Übrigens musste die Fließrichtung des Chicago Rivers in den Michigan-See
umgedreht werden. Schon nach kurzer Zeit hatten die Industrie und die
Schlachthöfe der wuchernden Stadt den See dermaßen verdreckt, dass sich Seuchen
ausbreiteten. Der Michigan-See ist das Trinkwasserreservoir der Stadt. Daher
plante man ein System von Kanälen. Um 1900 begannen die Bauarbeiten und man
kehrte den Fluss um und leitete ihn über den Sanitary and Ship Canal in den
Mississippi River.
Leider können die Kinder die Bootstour nicht so genießen. Sie sind wohl
mittlerweile abgefüllt mit Informationen.
Wir spazieren noch über die Magnificent Mile mit ihren teuren Läden zum
Millenium Park, dem großen Erholungsgebiet am See. Hier gibt eine große
Konzertbühne, auf der fast jeden Abend kostenlose Konzerte stattfinden. Auch
für Kinder wird viel angeboten, wirklich spektakulär ist die Skulptur von Anish
Kapoor aus dem Jahr 2006.
In dem spiegelnden Körper kann man sich selbst vor der Kulisse der
Wolkenkratzer sehen.
Im Inneren braucht man einige Zeit, bis man sich gefunden hat.
Beim netten Abendessen im italienischen Ristorante finden wir es schade, dass
wir morgen diese senkrechte Stadt schon verlassen und weiterfahren.
In Chicago am Michigan-See beginnt die Motherroad, die Route 66, von der
immer noch große Teile erhalten sind. Seit 1926 führt sie bis nach Los Angeles
in Kalifornien und während die Interstates der Eisenhower-Zeit meist
schnurgerade von West nach Ost oder Nord nach Süd laufen, kringelt sich die
Route 66 durch fast jeden kleinen Ort. Wir entscheiden uns dafür, von
Springfield nach Chicago auf der Route 66 Illinois zu fahren. Sie ist
überall ausgeschildert, weil immer noch viele Leute hier entlangfahren wollen.
Als wir um neun abfahren, sind es schon wieder 28 Grad -- gut, dass wir nun
wieder nordwärts fahren. Die Route 66 führt oftmals direkt neben der Interstate
55 entlang. Es ist schon ein bißchen komisch, die anderen "vorbeirasen" zu
sehen, aber Historie geht uns vor. Immerhin ist die Route 66 ein National Scenic Byway.
Immerhin biegt die Straße in nahezu jede Ortschaft ab und wir bekommen etwas
vom Alltagsleben in Illinois zu sehen. Viele Städtchen haben wirklich niedlich
restaurierte Zentren mit Häusern im Western-Stil. Die Anwohner der Route 66
haben auch selbst ihre Häuser und vor allem ihre Garagen mit Memorabilia geschmückt.
Hier auf der ehemaligen Mainstreet Americas, die einmal fast 4000 km lang war,
knackt unser Meiner-Mobil die 88888 Meilen Marke!
An der Route 66 liegt auch ein Naturreservat für Präriegras. Auf 18.000 acres
ehemaligem Farmland wurden alle möglichen Arten Präriegras angesät. Man kann es
kaum glauben, aber tatsächlich ist die Fläche wilder Prärie sehr klein geworden
und vom Farmland verdrängt worden. Am Wochenende ist hier leider zu, aber über
den Zaun weht ein Hauch Prärieluft.
Die USA sind eben ein Auto-Land und vielleicht ist eine hübsch restaurierte
Tankstelle nur hier eine echte Sehenswürdigkeit.
Von Autorennen, Road Movies oder Gangsterpärchen haben wir jedenfalls nichts
gesehen. Obwohl hier einige Filme gedreht wurden, aber wahrscheinlich ist eher
der Wüstenabschnitt der Route 66 der bekanntere, verklärt und romantisiert.
Aber immerhin kam uns der hier entgegen:
Viele Orte wurden während der Lincoln-Ära gegründet und haben Lincoln Denkmale.
Und natürlich all die kleinen Merkwürdigkeiten, die sich kleine Gemeinden
einfallen lassen, um die Touristen zum Anhalten zu bewegen. Hier zum Beispiel
ein echtes Mini-Jail von 1902.
Während hier aber keine richtig bösen Verbrecher eingesperrt wurden, sondern
wahrscheinlich nur ein paar Trunkenbolde zur Abschreckung, soll es ja in
Chicago echte Gangster gegeben haben. In die große Stadt hinein nehmen wir dann
doch die Interstate, denn die Route 66 verliert sich hier in zu vielen kleinen
Anschnitten, denn auch sie wechselte ihre Richtung mehrmals in all den Jahren
und eine zweite Spur wurde stillgelegt.
Schöne 26 Grad in Chicago. Das Hotel ist schnell gefunden, wir haben ein großes
Zimmer unweit von Downtown. Unsere Abendunterhaltung beginnt mit einem Besuch
im Supermarkt fürs Frühstück und im Waschsalon, natürlich mit
FreeWireless-Internet...
Der Abend ist so mild, dass wir in einem irischen Restaurant essen und draußen
sitzen. Das Essen ist hervorragend und eine Erholung nach dem Cozy Dog
Trotzdem wir in einer Großstadt sind, ist es nicht stickig, sondern es weht ein
köstlicher Wind vom Michigan-See her. Auf der Dachterrasse unseres Hotels
präsentiert sich "windy" Chicago von seiner glitzernden Seite.
Die Lichter locken und morgen stürzen wir uns da hinein!
Wir sind früh aufgestanden und haben uns mit mitgebrachten Cornflakes und Toast
gestärkt, denn heute gehen wir auf die Spur Abraham Lincolns. Springfield ist
unsere südlichste Station und von dem angesagten Regen fehlt jede Spur.
Stattdessen ist es schon morgens warm und wir beginnen mit Lincolns Wohnhaus.
Der ganze Straßenzug ist rekonstruiert und konserviert worden. Holzfußwege und
Gaslaternen -- genau wie zu Lincolns Zeiten, als Springfield noch ein
aufstrebendes kleines Städtchen war. Abraham Lincoln kam als junger Mann 1837
hierher und all seine Habseligkeiten passten in zwei Satteltaschen. Er hatte
schon viele Jobs als Holzfäller oder Schienenarbeiter gehabt und nun ein
Anwaltsdiplom in der Tasche. Er zog in die Kammer über einem Einkaufsladen, der
Besitzer wurde einer seiner besten Freunde. 1842 heiratete er seine Frau
Mary und 1844 zogen sie in dieses Haus.
Besucher dürfen sich nicht allein darin bewegen, sondern machen eine Führung
mit. Der Lincoln Home National Park kümmert sich um Verwaltung und
Unterhaltung. So genannte Ranger geben Staatsbürgerkunde-Unterricht im besten
Sinne und alles ist kostenlos. Im Inneren des Hauses stehen viele originale
Möbel der Lincolns, die sie bei ihrem Umzug nach Washington eingelagert hatten.
Man orientierte sich an Zeichnungen und Fotografien aus der Zeit und
rekonstruierte so die Innenräume. Nach gefundenen Tapetenresten wurde die
Wandgestaltung erneuert, die Teppiche wurden nach Mustern aus der Zeit
angefertigt. Fotografieren ist erlaubt, wenn auch schwierig in den engen
Räumen. Dies ist das Wohnzimmer der Familie -- ja, die Möbel sind so klein wie
sie scheinen, unklar wie ein Fast-2-m-Mann wie Lincoln da gut sitzen konnte.
Abraham Lincoln und seine Frau Mary lebten das erste Jahr ihrer Ehe in einem
billigen Hotel. Mit ihrem neugeborenen Sohn Robert zogen sie dann hier ein. Als
die Familie weiterwuchs, wurde auch das Haus erweitert und eine zweite Etage
gebaut. Oben befanden sich nun die Schlafräume und auch Lincolns Schreibtisch
steht hier.
Lincoln wurde Partner in einer Anwaltskanzlei und auch sein Büro existiert
noch. Das Schild sollte sein Partner hängen lassen, weil Lincoln vor hatte,
nach seiner Präsidentschaft wieder als Anwalt zu arbeiten. Die Kanzlei liegt
unweit seines Wohnhauses.
Überhaupt hat Springfield ein richtig hübsches Stadtzentrum. Weil die Stadt
seit 1865 von Lincoln-Bewunderern besucht wird, hat man hier wohl versucht, die
alten Häuserzeilen zu erhalten und so gibt es entlang der 6. Straße, auf dem
Weg ins Museum und zur Presidential Library (eine von 11
Präsidenten-Bibliotheken) viele Häuser mit kleinen Läden und Lokalen.
Museum und Bibliothek wurden 2005 gebaut. Wenn man den Aufwand der Ausstellung
dann sieht, ist klar, warum hier bezahlt werden muss. Die Ausstellung beginnt
in einer Rotunde: links steht eine Blockhütte, die aussieht wie so eine, in der
Lincoln 1809 geboren wurde. Man kann sehr gut nachempfinden, dass das Leben der
Farmer eigentlich nur aus Arbeit und Lebenserhaltung bestand. Umso
beeindruckender, dass der junge Abraham sich hier allein das Leben beibrachte.
In anderen Sälen sind einer seiner Hüte (es existieren noch drei von ihm),
Möbel, Urkunden und Kopien seiner berühmten Rede, der Gettysburg Address,
Schmuckstücke der Familie oder ein Sessel aus dem Theater zu sehen, in dem
Lincoln während einer Vorstellung am 4. April 1865 erschossen wurde. In der
Rotunde rechts geht man durchs Portal des Weißen Hauses.
Wachsfiguren der Familie Lincoln und auch seines Kabinetts machen die Szene
lebendig. Außerdem gibt es zwei eher kitschige Multimedia-Shows zu sehen. Aber
auch ein Spielzimmer mit Spielen aus Lincolns Zeiten. Unser Spiel: Such die
Lotti!
Lincoln war schon seit Jahren Gegner der Sklaverei bevor er 1861 Präsident
wurde. Kurz darauf begann der Bürgerkrieg, weil sich sieben südliche
Sklavenhalterstaaten von der Union lossagten. Aus dieser Zeit stammt Lincolns
berühmter Satz: "Ein geteiltes Haus kann nicht mehr stehen.". Lincoln wurde
1865 zu einer zweiten Amtszeit gewählt und die Unionsarmeen der Nordstaaten
siegten. Im Frühjahr 1865 entspannte sich also die Lage und Lincoln ging
mit seiner Frau nach langer Zeit mal wieder ins Theater. Der
Hauptdarsteller des Stückes, John Wilkes Booth war ein glühender Anhänger
der Südstaaten, entfernte sich während der Aufführung von der Bühne und
erschoss Lincoln in seiner Loge -- in einem solchen Stuhl sitzend (diese
Kopie kann man übrigens für 1000 Dollar im Souvenir-Laden kaufen -- ein bißchen
makaber...).
Nach vier Stunden kamen wir, mit Informationen abgefüllt, aus dem Museum. Die
Presidential Library ist extra zu besichtigen. Nach einem kurzen
Nach-Mittagsessen fuhren wir unsere wunden Füße noch zum Friedhof. Abraham
Lincolns Sarg wurde mit dsem Zug von Washington nach Springfield gebracht. Auf
der Strecke hielt er oft an, um den Menschen Gelegenheit zum Trauern zu geben.
In Springfield wurde Lincoln am 4. Mai 1865 auf dem Oak Ridge Cemetary
begraben.
Ich glaube, Lincoln hat nicht nur wegen seines tragischen Todes und seiner
staatsmännischen Stärke während des furchtbaren Bürgerkrieges so viele
Bewunderer. Er lebte auch den berühmten American Dream: in einer einfachen
Holzhütte in den Wäldern Kentuckys geboren, arbeitete er sich vom Holzfäller
zum gefeierten Anwalt empor. Trotz vieler Rückschläge in seiner politischen
Karriere wegen seiner erstmal unpopulären Meinung über die Sklaverei hat er nie
aufgegeben und wurde schließlich ins Weiße Haus gewählt. Er war auch privat
eine integre Persönlichkeit, hatte viele Freunde und war anscheinend ein
fortschrittlicher Familienvater, der außerdem den Tod zwei seiner Söhne zu
verkraften hatte. Nur Robert wurde erwachsen und vermachte das Lincoln-Haus
1887 dem Staate Illinois, 1972 ging es an die USA, die daraufhin einen
Nationalpark einrichtete.
Zum Schluß noch ein Stopp im Museums-Shop. Mich interessiert ja immer auch die
Vermarktung und was sich Besucher so mitnehmen können. Hier sind es vor allem
Bücher, natürlich viele Biografien, aber auch Kriminalromane über die
Ergreifung des flüchtigen Attentäters. Außerdem Schmuckstücke, Spielzeug,
Nachbildungen von Taschenuhren, Schriftstücken und auch von Lincolns
Hausschlüssel -- den trage ich jetzt am Schlüsselund, als Erinnerung an einen
unvergesslichen Tag.
Nur noch fünfzehn Minuten bis St. Louis und damit in den Bundesstaat
Missouri. St. Louis liegt südlich des Zusammenflusses von Mississippi und
Missouri. Und auf einer Brücke fahren wir in die Stadt hinein.
Es ist dunstig und heiß und der Mississippi scheint aus dickflüssigem Blei zu
sein und führt Hochwasser. Das Denkmal für die Entdecker Lewis und Clark,
die 1804 von hier aufbrachen, um für Präsident Jefferson den Westen zu
erkunden, ist überschwemmt.
Nahe dem Gateway Arch, St. Louis Wahrzeichen und höchstes Nationalmonument der
USA, finden wir ein Parkhaus und laufen los. Nach zehn Minuten sind wir bereits
durchgeschwitzt und es sind noch anderthalb Stunden bis ein Schaufelraddampfer
abfährt.
Also gehen wir zum Gateway Arch, dem riesenhaften Bogen, der St. Louis als
Tor zum Westen darstellen soll. Drinnen werden wir kontrolliert, denn der Arch
ist ein Nationaldenkmal. Den schlafenden Mattis müssen wir aus dem Wagen nehmen
und mein Taschenmeser geht gerade so als Obstmeser durch. Unter dem Arch ist
eine große Ausstellung über die Expedition von Lewis und Clark (1804 - 1806)
und die Eroberung des Westens.
Die Ausstellung ist umfassend und geht durchaus kritisch mit der Vertreibung
der Indianer um. Zuerst führen Tagebuchaufzeichnungen von Lewis auf einem
Rundgang, dan gibt es originale Siedlergegenstände zu sehen und Kopien der
"Friedensverträge", die die Weißen mit den Indianern schlossen, ohne dass die
Indianer wussten, was sie da unterzeichneten -- und dann kamen die Weißen.
Nach einer Stunde gingen wir wieder in die Hitze und schafften noch ein paar
Bilder von uns unterm Bogen.
Unten am Ufer gibt es recht wenig zu sehen, denn immer noch bestimmen
Industrieanlagen das Bild und die riesige Flutmauer, die seit dem schlimmen
Hochwasser 1993 noch erhöht wurde. Aber die Dampfer-Anlegestelle ist doch so,
wie man es sich am Mississippi vorstellt.
Der Schaufelraddampfer "Tom Sawyer" ist nicht original und drinnen klimatisiert
mit Popcorn-Maschine, aber dank eines Rangers, der wirklich viel über St. Louis
und den Fluß zu berichten hatte, wurde es eine schöne Fahrt.
St. Louis wuchs schnell durch die vielen Siedler und Glücksritter, die auf dem
Weg in den Westen hier durchkamen. Es bildete sich eine reiche
Schiffsbesitzer-Kaste, die über Jahre erfolgreich verhinderte, dass eine Brücke
über den Mississipi gebaut wurde. Erst 1891 begann ein Privatmann auf eigene
Kosten, eine Stahlbrücke zu errichten. Daraufhin wurde das Gerücht in Umlauf
gesetzt, dass die Brücke aus diesem neuartigen Material nicht sicher sei. Zur
Eröffnung am 4. Juli 18... ließen die Erbauer dann mehrere Elefanten über die
Brücke gehen, um zu zeigen zeigen, dass die tierischen Instinkte der Dickhäuter
die Brücke für sicher befanden und das genügte den Menschen dann.
Bis heute fahren große Transporter vom Atlantik bis hierher ohne eine Schleuse
passieren zu müssen, so tief und breit ist der Mississippi. Sie transportieren
eigentlich alles und sind bis heute ene wichtige Alternative zu Schiene und
Straße.
Aber unser Dampfer war eindeutig schöner!
Uns jedenfalls wurde es dann doch zu warm und wir fuhren zurück nach
Springfield, in Lincolns Stadt.
Es ist große Hitze angesagt und am nächsten Tag Regen, also verlegen wir
unseren Lincoln-Kurs und fahren erstmal dahin, wo wir gutes Wetter unbedingt
brauchen: nach Cahokia Mounds und nach St. Louis. Wir sind schon soweit,
dass wir Tagesausflüge mit einer Fahrzeit von mehr als drei Stunden
unternehmen. Cahokia liegt südwestlich von Springfield nahe dem Zusammenfluß
von Mississippi und Missouri und ist eine alte Indianerstadt.
Konkret gesagt ist Cahokia die größte prähistorische Anlage nördlich von Mexiko
und gehört zum UNESCO Weltkulturerbe! Ein echter Geheimtipp -- ich
zumindest hatte vor dieser Reise noch nie davon gehört. Um etwa 600 n.C.
siedelten sich an dieser Stelle Menschen an und errichteten die Stadt
Cahokia. Etwa dreihundert Jahre später lebten bis zu 20.000 Menschen hier,
mehr als in London zu dieser Zeit, denn der fruchtbare Boden, das Wasser und
wildreichen Wälder garantierten Nahrung das ganze Jahr über. Die Menschen
errichteten über 100 so genannte Mounds, große Erdhügel, auf denen die Häuser
der Häuptlinge und Priester standen.
Als die ersten Weißen im 16. Jahrhundert in diese Gegend kamen, glaubten sie
nicht, dass die mittlerweile verlassenen Mounds von Indianern errichtet waren.
Sie fanden schon damals kaum mehr Spuren von Menschen, denn die Stadt wurde um
etwa 1400 verlassen und die Ursachen dafür sind bis heute unbekannt. Doch die
Mounds stehen noch und sind zu besichtigen.
Den höchsten Mound kann man erklettern. Er heißt Monks Mound, denn Mönche
haben hier im 19. Jahrhundert Ackerbau betrieben. Hier, 30 Meter über dem
Fußvolk, muss das Haus des Oberpriesters gestanden haben, hier haben
Archäologen Tonplatten mit Zeichnungen von Vogel-Männern und Schlangen
gefunden. Man fand auch Reste eines Palisaden-Kalenders ähnlich dem in
Goseck bei uns. Hier heißt er jedoch "Woodhenge" und nicht
Kreisgrabenanlage. Eine Schrift hatten die Cahokianer nicht und deshalb
streiten sich Wissenschaftler, ob es sich hier um eine echte Hochkultur
handelt. Unbestritten ist jedoch der erhebende Eindruck, wenn man oben steht --
und nun in der Ferne St. Louis sehen kann.
Das Besucherzentrum heißt hier Interpretations-Zentrum, was es sehr gut trifft,
denn man interpretiert und deutet immer noch viel an Cahokia und der Kultur der
Mississippianer herum, so wenig weiß man.
Wie fast immer in den USA ist das Zentrum sehr gut ausgestattet, es wird ein
interessanter Film gezeigt und es gibt nicht nur zu sehen, sondern auch
anzufassen. Viele Freiwillige helfen den Besuchern und wir trafen Hilde, die
Soldatenbraut aus München. Sie heiratete 1945 einen amerikanischen GI und kam
hierher. Und es wurde tatsächlich sehr heiß.
Also entschieden wir, im klimatisierten Auto noch nach St. Louis zu fahren, mal
sehen, ob es am mächtigen Mississippi kühler ist.
Die Tour von Fort Wayne nach Springfield ist nicht ganz so lang, "nur" fünf
Stunden und mit einer tollen Pausen-Möglichkeit zwischen all den Feldern:
Indianapolis. Die Hauptstadt von Indiana hat viel zu bieten, unter anderem
das größte Kindermuseum der USA und das Eiteljorg Western-Museum. Die Zeit
ist knapp und so füge ich mich Michas Vorschlag, den Indianapolis Speedway und
sein Museum zu besuchen.
Die Rennstrecke ist jetzt einhundert Jahre alt und hat wirklich eine bewegte
Geschichte hinter sich. Da man auch eine Motorrennstrecke wie in Europa haben
wollte, wurde der Speedway gebaut und am 30. Mai 1911 das jährliche Rennen Indy 500
auf der gepflasterten Strecke ins Leben gerufen. Zuerst fuhren nur
amerikanische Fahrer in amerikanischen Autos von Ford und Chevrolet hier.
Doch die berühmte Strecke und vor allem der Enthusiasmus der Zuschauer zogen
bald Fahrer aus der ganzen Welt an. Automobilhersteller wie Ferrari, Bugatti,
Mercedes brachten auf den vier Kilometern Rennstrecke ihre Rennwagen an den
Start -- hier ein Mercedes Silberpfeil.
Während der Weltkriege war die Rennstrecke geschlossen. Nach dem 2. Weltkrieg
sogar völlig verwildert und es stand auf der Kippe, ob sie jemals wieder
befahren werden könnte. Der Industrielle Tony Hulman aus Indiana investierte
Millionen Dollar und heute kommen jedes Jahr hunderttausende zu den Motorrad-
und Autorennen hier. Das Museum direkt auf dem Grün des Speedways zeigt viele
Siegerwagen und Renntrophäen.
Aber auch Automobilgeschichte wie eines der ersten Autos, alte Motoren oder die
Düsenberg-Wagen werden gezeigt.
Natürlich gibt es eine Hall of Fame aller Indy 500 Sieger. Traditionell trinkt
der Sieger übrigens nicht Schampus, sondern Milch auf dem Treppchen. Die
entsprechende Flasche kann man im Shop kaufen.
Der Speedway ist das größte Sportstadion der USA und gehört zu den
Kulturdenkmalen der USA. Auf der Weiterreise nach Springfield, Illinois,
muss natürlich Cars geguckt werden, die Musik ist einfach klasse zum
Autofahren.
Von hier ist es nur noch ein Katzensprung von drei Stunden nach Springfield,
auf dem wir aber die Zeitzone wechseln! Beim "Grenzübertritt" nach Illinois
stellen wir unsere Uhr eine Stunde zurück auf Central time -- der mittleren der
drei Zeitzonen der kontinentalen USA. Und so ist es erst halb sechs, als wir
zum Abendessen im "Cozy Dog" eintreffen.
Passend zu unserem Tag des Automobils befinden wir uns nämlich nun auf der
Mother Road der USA, der Route 66. Der Waldmire-Clan eröffnete das typische
Drive-In im Jahre 1946. Seitdem wurde es mehrmals umgebaut, befindet sich aber
nach wie vor in Familienbesitz und platzt aus allen Nähten durch die vielen
Route 66 - Souvenirs.
Außerdem wurde hier der Cozy Dog erfunden, der Hot Dog im Maisteigschlafrock
sozusagen.
Das Rezept haben sie sich patentieren lassen, ebenso wie die Folterwerkzeuge,
mit denen sie das Würstchen in den Teimantel einbauen.
Insgesamt ganz lecker, aber unheimlich fettig. Da helfen nur noch Karotten ud
Sellerie zum Dippen, die wir uns zusammen mit Frühstücksutensilien in der
Kaufhalle kaufen. Denn in diesem Hotel gibt es kein Frühstück und wir wollen
keine Zeit verlieren, wenn wir morgen nach Abraham Lincoln suchen.
Auf der Fahrt nach Fort Wayne, Indiana, passierten wir die Bundesstaaten New
York, Pennsylvania und Ohio. Buffalo und Cleveland sind eher unspektakulär.
Ortsnamen wie Rom und Amsterdam werden seltener, stattdessen liest man viele
indianischen Ursprungs. Klima und Landschaft verändern sich deutlich. Hier,
südlich des Erie-Sees, wird viel Wein angebaut und es gibt Keltereien und
Weinstraßen.
Die Auswahl ist groß, obwohl auch hier im Supermarktregal die kalifornischen
Weine dominieren. Wir haben einen sehr guten Rotwein aus der Great Lakes Region
getrunken.
Wir fahren jetzt weg von den Seen nach Indiana hinein. Ein typischer
Agrarstaat: viel, viel Mais, aber auch Soja wächst hier. Die Autobahnen sind
klasse.
Fort Wayne ist eine der wenigen größeren Städte hier und an sich keine Reise
wert. Typisch amerikanisch-ausgestorbenes Stadtzentrum mit Bürogebäuden und
jeder Menge Kirchen. In der Allen County Public Library werden die
US-Censusdaten seit 1790 aufbewahrt, sie ist damit das zweitgrößte
Genealogie-Forschungszentrum Nord-Amerikas, nach dem in Salt Lake City bei den
Mormonen.
Wir machen Station, als Zwischenstopp auf dem Weg nach Illinois, denn hier gibt
es eine besondere Kinder-Attraktion: einen der besten Zoos der USA, laut
großer Eltern-Zeitschrift. Und den haben wir natürlich besucht.
Das wirklich große Gelände ist in mehrere Ökosysteme aufgeteilt. In Afrika kann
man faule Löwen und ulkige Geier sehen. Großes Glück bei den Giraffen: im
Gehege spielten zwei Giraffen-Kinder.
Unser persönliches Highlight war, dass wir die Tiere mit frischen Salatblättern
anlocken und sogar füttern durfte.
Skurril, aber interessant war das Karussel der gefährdeten Arten. Die
Amerikaner lieben ja Bildung, wenn sie amüsant verpackt ist und so ritten
Charlotte und Moritz auf einem Amur-Tiger, von dem es nur noch 250 Exemplare
geben soll und einem Großen Panda.
Ausserdem konnte man noch Boot und Eisenbahn fahren und in einer Schwebebahn
einige Tiergehege von oben sehen.
Nachmittags gehen wir noch in den Pool. Da haben sich die Kinder besonders
drauf gefreut, die trotz stundenlangem Laufen immer noch nicht müde sind.
Premiere: Mattis geht baden -- und macht sich prima!
Wir haben die Nase voll von Dinern und kaufen Abendessen ein. Das "Brot"
verdient zwar seinen Namen nicht, aber frisches Gemüse ist tausendmal besser
als "Chicken Fingers". Die Fahrt über Indianapolis nach Springfield
(Illinois) ist nicht ganz so weit, dafür soll es morgen sehr heiß werden.
Nach etwa zwanzig Minuten legte die "Maid of the Mist" wieder an und unsere
Plastik-Ponchos waren noch erstaunlich intakt. Und wir brauchten sie auch
gleich wieder, denn nahe am Anlegeplatz führen Treppen ganz nahe an die
American Falls heran.
Micha und ich finden die American Falls übrigens interessanter als die größeren
Horseshoe-Falls. Die schon fortgeschrittene Erosion hat hier mehr Klippen und
Vorsprünge geschaffen, so dass das Wasser nicht einfach hinabsprudelt. Wer auf
dem Boot noch nicht nass geworden ist; hier wird man es auf jeden Fall. Die
Winde wechseln so schnell ihre Richtung, dass man auf einmal in der Dusche
steht. Trotzdem wagten wir den Aufstieg, aber ohne Mattis. Und das bin ich:
Und wer es nun noch nicht gemerkt hatte: ja, der Weg ist glitschig.
Es war schon fast Mittag und wir machten uns auf den Weg zur nächsten
Attraktion: dem "Cave of the Winds". Die Cave-Besucher in ihren gelben Capes
hatten wir schon vom Boot aus gesehen und auf den ersten Blick sah es nur wie
ein weiterer Pfad nah an die Fälle aus. Aber es ist ein Weg in die Fälle!
Zuerst tauschten wir unsere mittlerweile zerfetzten blauen Capes gegen fesche
Gelbe, auch Matti wollte nun was sehen.
Außerdem gab es diesmal Schuhe, denn nasse Füsse wurden garantiert.
Nach einer Weile Wartezeit ging es zuerst mit dem Fahrstuhl hinab. 1928 wurde
der installiert, davor kletterten die Leute eine windschiefe Holztreppe
hinunter. Ursprünglich führte dieser Weg zu einer Kammer hinter den Bridal Falls
-- daher der Name. Aber die Erosion hat dieser Sehenswürdigkeit mitlerweile ein
Ende gemacht. Geblieben ist nur der Name.
Endlich da, fiel zuerst das Hurrican-Deck ins Auge.
Uns war klar, hier wartete das Abenteuer. Die Holzplattformen und Treppen des
Weges waren genau in den Wasserfall gebaut. Auf dem Hurrican-Deck schließlich
konnte man sich genau unter den Wasserfall stellen -- klarer Fall, dass Lotti
da drunter musste. Wir spazierten also direkt durch die Fälle und wurden nass,
wie es dem Wasser gefiel.
Matti hatte sich zwischenzeitlich komplett in den Poncho zurückgezogen und
überlebte mit nassem Pony.
Und so sieht der "Cave of the Winds"-Pfad von oben aus.
Hier rauschen die Wasserfälle:
Dann hatten wir uns wirklich ein Eis verdient. Wir bestellten ein kleines
Waffeleis und die Kinder bekamen insgesamt sechs Kugeln! Da hieß es langsam
gehen und so wählten wir noch den Weg nach Luna-Island auf eine kleinere
Plattform direkt zwischen Bridal und American Falls.
Kaum zu glauben, dass hier eigentlich doppelt so viel Wasser herunterkommen
müsste. Doch schon vor den Fällen wird sehr viel Wasser des Niagara Rivers in
Wasserkraftwerke gelenkt. Die ganze Region wird so mit Strom versorgt und die
schnell fortschreitende Erosion verlangsamt. Immerhin ist seit den fünfziger
Jahren nichts mehr abgerutscht, aber wer weiß, wie lange man noch auf diesen
Plattformen stehen kann.
Zum Glück hatten wir herrliche 26 Grad und klare Luft und konnten so unseren
Tag an den Niagara-Fällen in vollen Zügen genießen. Der Niagara State Park
wurde übrigens vor 125 Jahren begründet und ist der Älteste der USA. Zurück
ging es im antiken Trolley-Bus, denn keiner von uns wollte mehr laufen.
Dabei kamen Lotti und Moritz mit einem netten Herrn ins Gespräch und erzählten,
aus welchem Teil Deutschlands wir kämen.
Lotti: "We come from the Eastern Part of Germany."
Moritz: "Yes, where the Easter Bunnies come from too!"
Nach einem sehr amerikanisch-dramatischen Film im Visitors Center, der zeigte,
welche Abenteurer die Fälle entdeckt, wer sich schon hinuntergestürzt und wer
schon gerettet wurde, waren wir wirklich müde. Aber noch in den Hotelbetten
erzählten wir uns von unseren Erlebnisse, die wirklich unvergesslich sind.
Wenn der Weg nach Walhalla tatsächlich über eine Regenbogenbrücke führt, dann
haben wir den Zugang gefunden: an den Niagara-Fällen funkeln immer Regenbogen
und sie reichen bis zu den eigenen Füßen.
Nach einer langen Fahrt durch Vermont und den Staat New York, der übrigens
genauso aussieht wie NH und Vermont nur mit weniger Bäumen, erreichen wir
endlich abends die Fälle. Als wir noch Meilen entfernt über den großen
Niagara-River fahren, sehen wir schon die Gischt aufsteigen. Gegen halb acht
sind wir da. Obwohl die Kinder schon müde sind, werden wir alle irgendwie
magisch angezogen von dem tiefen Rauschen des Wassers.
Und es ist atemberaubend. Drüben auf der kanadischen Seite glitzern die Lichter
der Hotels und Casinos. Dagegen sieht die amerikanische Seite fast ein wenig
heruntergekommen, aber auf jeden Fall kleiner aus. Allerdings ist der Park an
den Fällen sehr schön und man kommt den Wassermassen ganz nah.
Nach einem langen Spaziergang bis hinüber zu den Horseshoe-Falls, erleben wir
noch das Feuerwerk. Dann gehts ab, denn Montag wird ein langer Tag.
Der beginnt gruselig -- die Amerikaner können einfach nicht frühstücken:
Labber-Waffeln, Geschmacklos-Ei, kein Obst und Bäh-Kaffee. Wir wollen raus und
kaufen uns gleich einen Discovery-Pass, der die Eintritte zu den
Hauptattraktionen abdeckt. Die Maid of the Mist erwartet uns schon.
Die kanadischen Boote bringen die Touristen ganz nah an die Fälle und so
erleben wir sie quasi von der kanadischen Seite aus, ohne die Grenze zu
passieren. Übrigens kämpften die USA und Kanada (in Gestalt der englischen
Krone) 1812 um die Fälle, die USA konnte jedoch nicht obsiegen. Auf dem Boot,
in unseren blauen Regenumhängen fiebern wir dem Wasser entgegen.
Und es haut einen wirklich um, diese Naturgewalten so nah zu sehen und
natürlich patschnass zu werden. Mattis schläft derweil im eingepackten Wagen.
Die Großen können kaum genug kriegen.
Die "Maid of the Mist" ist übrigens nach einer jungen Indianerin benannt, die
der Legende nach in die Fälle zu den Donnergeistern gesprungen ist. Zurück am
Anlegesteg erklettern wir noch einen Pfad, der ganz nah an die American Falls
führt. Die Niagara-Fälle sind nämlich eigentlich drei: die American Falls, die
Bridal Falls und die Horseshoe-Falls.
Und jetzt geht es zu Fuss weiter...
Pünktlich zu Beginn unserer Great-Lakes-Tour hat Mattis sein erstes Zähnchen
ausgebrütet. Es deutete sich schon seit geraumer Zeit durch ein weisses
Schimmern unten rechts an. Nun ist es raus und er benagt weiterhin seine
Beissringe, was auf weiteres Gebisswachstum hinweist. Charlotte hat schon mit
vier Monaten ihren ersten Zahn bekommen, Moritz erst mit knapp sechs Monaten --
Mattis liegt also gut im Rennen. Und er leidet glücklicherweise nicht und macht
unsere Reise gut mit. Die Niagara-Fälle liegen schon fast hinter uns uand haben
einen so grossen Eindruck hinterlassen, dass der Blog wohl noch eine Weile auf
sich warten lassen wird, auch weil wir aus hunderten Bildern die wirklich
Besten heraussuchen wollen. Erstmal so viel: es ist wirklich beeindruckend,
wild und schön.
Fährt man durch New Hampshire und Vermont, so wie es momentan viele Touristen tun, sollte man sich unbedingt die berühmten "covered bridges", die überdachten Brücken anschauen.
Sie wurden vor allem im 19. Jahrhundert erbaut. Einmal waren sie durch das Dach wesentlich stabiler und witterungsgeschützter. Pferde konnten, ohne zu Scheuen, die oft reißenden Bäche überqueren und der bauaufwand rechtfertigte natürlich eine satte Maut. Heute gehören sie zu d e n Sehenswürdigkeiten Neuenglands, auch wenn die Neuengländer, das erstmal nicht gemerkt haben. Erst als sie schon fast alle Brücken abgreissen und durch schicke Eisenkonstruktionen ersetzt hatten, wurde ihnen klar, dass es die Brücken nirgends sonst in den USA gab. Also konservierte man flugs die noch verbliebenen, baute einige neue hinzu und nummerierte sie.
Sie gelten nun als Historic Sites und sind in Listen und vielen Landkarten verzeichnet. Manche sind auch noch befahrbar. Sie teilen sich dann ein Fußgänger- und Autoabschnitt.
Allein in New Hamshire gibt es mehr als fünfzig dieser Brücken, allerdings abseits der Hauptstraßen. Sie galten und gelten vielleicht auch heute noch als "kissing bridges", weil sich die Liebespaare zwischen den schattigen Holzsäulen verstohlen einen Kuss geben konnten...
Wir aber fahren heute neuen Abenteuern entgegen: die Großen Seen warten auf uns mit den Niagara-Fällen, Chicago, Lincolns Springfield und den Erie Islands.
Bis bald!
Mitten in New York City, in den Räumen der Columbia University trafen sich in
der ersten Augustwoche mehr als 200 Entwickler aus aller Welt, um ihr
Lieblingsbetriebssystem Debian zu feiern. Zwei der Teilnehmer waren
Dr. Yaroslav O. Halchenko und Dr. Michael Hanke, um der Geek-Gemeinde
ihre Fortschritte auf dem Gebiet der Debian-basierten neurowissenschaftlichen
Forschung vorzustellen. VoxinDeserto hat exklusiv mit Dr. Michael Hanke über
seine Eindrücke gesprochen.
ViD: Wer trifft sich auf dieser Konferenz?
Debian ist ein Projekt, das die Entwicklung des universellen Betriebssystems
zum Ziel hat, daher kommen auch viele verschiedene Leute, die ganz
unterschiedliche Dinge machen. Zur DebConf (DEBian CONFerence) kamen
Wissenschaftler, Programmierer, private Nutzer, Leute mit Bart, Leute ohne
Bart, Männer in Röcken, Leute aus aller Welt. Sie hielten und hörten Vorträge über
Datensicherheit und Speicherung, über Debian in den Wissenschaften und als
Betriebssystem in großen Firmen. Doch auch mit über 200 Teilnehmern werden noch
nicht alle Facetten beleuchtet -- Debian ist das größte Softwarearchiv auf
diesem Planeten, mit über 25.000 sofort installierbaren Paketen für jeden
erdenklichen Bedarf. Das Besondere ist, dass hinter Debian keine Firma steht,
die die Geschicke lenkt. Debian ist ein sich selbst organisierendes Projekt von
etwa 3000 Freiwilligen, die machen, was sie für richtig halten -- inklusive
jährliche demokratische Projektleiterwahlen. Debian ist einzigartig.
ViD: Dann ging es auf der DebConf also im Wesentlichen darum, Debian weiter
voran zu bringen?
Nicht nur. Die Tage waren vollgepackt mit Vorträgen und der Möglichkeit,
gemeinsamen zu programmieren. Es ging vor allem auch ums persönliche
Kennenlernen und Gedanken austauschen. Normalerweise stehen die Debianer über
E-Mail und IRC in Kontakt, doch diese Art der Kommunikation bietet oft nur wenig
Gelegenheit, die Mensch hinter den Spitznamen kennen zu lernen. Daher gab es
auch eine Cheese-and-Wine-Party und da brachte jeder Käse
und Wein aus seinem Heimatland mit. Weil kein Freyburger Sekt und Harzer Roller
verfügbar waren, habe ich Cider und New Hampshire Käse mitgebracht. Der Hammer
war jedoch der zwanzig Jahre alte Mezcal-Käse aus Mexiko.
ViD: Was haben Sie zur Konferenz beigetragen?
Ich habe mit meinem Kollegen Dr. Halchenko einen Vortrag über NeuroDebian
gehalten. An diesem Projekt arbeiten wir seit fünf Jahren und es geht darum,
Debian in den Neurowissenschaften als Forschungsplattform zu etablieren. Wir
paketieren Software, die Neurowissenschaftler zum Beispiel zum Auswerten von
MRT-Daten benutzen. Das heißt, wir integrieren unterschiedliche Programme von
verschiedenen Forschungsinstituten so, dass sie zu einer vielseitigen
Forschungsumgebung aus einem Guss verschmelzen -- und manchmal schreiben wir
auch etwas selbst. Unser Vortrag kam gut an und wir hatten einige Zuschauer,
die selbst gar keine Neurowissenschaftler sind und sich trotzdem für unsere
Bemühungen interessieren. Per Livestream konnten Leute aus der ganzen Welt
zusehen (Videoaufzeichung in hoher und niedriger Auflösung).
ViD: Was war Ihr herausragendes Erlebnis?
Es war eine sehr intensive Woche. Der Vortrag von Eben Moglen über die
freedom-box war einer der Höhepunkte (Aufzeichnung verfügbar). Es ging um
seine Vision, wie wir die Kontrolle über unsere persönlichen Daten
zurückerlangen können und aufhören, Google, Facebook und die anderen Kraken
weiter zu füttern. Moglen meint, man könnte mit der heutigen Hardware und ein
wenig mehr Debian seine persönliche Kommunikation einfach allein abwickeln und
so sehr schnell sehr unabhängig von Mobilfunkprovidern und anderen
Monopolisten werden: Demokratisierung durch Dezentralisierung. Spannende Zeiten
kommen auf uns zu -- und Debian wäre nicht Debian, wenn die Arbeit nicht bereits
begonnen hätte.
ViD: Nun saßen die Teilnehmer ja nicht jeden Tag im abgedunkelten Keller an
ihren Rechnern. Was haben Sie noch unternommen?
Ich war schon ein paar Mal in New York City und habe mir daher den Ausflug nach
Coney Island, auf den Rummelplatz gespart. Stattdessen habe ich mit meinem
Kollegen in der New York Public Library an unserem Vortrag gefeilt. Doch eine
Führung durch die Manhattan Trinity Church haben wir uns nicht entgehen lassen:
Als am 11. September das World Trade Center zusammenbrach, wurde auch die Orgel
der nahegelegenen Trinity Church durch den Staub zerstört -- der Organist
flüchtete in Panik (das WTC ist nur 200m weit weg) und ließ das Gebläse an.
Diese Kirche liegt direkt neben der Wall Street und man sagt, dass die Banker
dort morgens um Erfolg beten und abends zur Beichte kommen. Jedenfalls hat die
Gemeinde viel Geld und konnte sich daher auf ein Experiment einlassen: Sie
beauftragte die Firma Marshall & Ogletree aus Connecticut mit dem Bau einer
neuen Orgel. Diese Leute fuhren durch die halbe Welt und nahmen die Töne jeder
einzelnen Pfeife einer ganzen Reihe berühmter Orgeln auf. Das Besondere ist
nun, dass die neue Orgel keine einzige Pfeife hat. Statt dessen werden die
Aufnahmen der Orgelpfeifen durch einem Stapel Linux-Rechner so kombiniert und
verändert, dass das Resultat besser ist als die Originale. Man braucht dann
"nur" noch ein paar gute Lautsprecher und einen, der was von Akkustik versteht.
Organisten und Musiker aus der ganzen Welt haben Opus1 schon gespielt und sind
begeistert. Hörbeispiele hier.
ViD: Mit welchen Ergebnissen kehren Sie nach Hanover zurück?
Vor allem haben wir Kontakte vertieft und neue Leute kennengelernt. Ich hoffe,
dass wir nun noch besser voran kommen als vorher.
ViD: Die nächste DebConf findet in Banja Luca, in Bosnien statt. Werden Sie im
nächsten Jahr wieder teilnehmen?
Die Treffen finden meist im August statt. Nächstes Jahr werde ich um diese Zeit
mit meiner Familie im Umzugsstress sein, denn dann geht es wieder zurück nach
Deutschland. Aber im Jahr 2012 wird sie wahrscheinlich in Brasilien
stattfinden, und da war ich auch noch nicht.
Quilts heißen die amerikanischen Patchworkdecken. Ich wollte schon immer mal wissen, wie so ein Quilt zusammengenäht wird und deshalb haben Mattis und ich für "Quilt-in-a-day" angemeldet. Das Community Center ist sehr engagiert und viele Freiwillige bieten Kurse für Kinder, Erwachsene und Senioren an. So auch Janet, die eine Näherei in Hanover betreibt und ihre Maschinen und Stoffe mitbrachte.
Die Tradition des Quiltens stammt von den "alten" Siedlern, die ziemlich arm waren, aber ständig Decken brauchten. So zerschnitten sie alte Sachen und Lumpen und vernähten diese zu Patchworkdecken. Es gibt auch Quilts mit Häkeleien und in tausenderlei Mustern. Wir haben mit den denkbar einfachsten angefangen und uns aus der Riesenvielfalt von Stoffen Quadrate und Streifen herausgesucht.
Diese werden zum Oberteil vernäht. Dann schneidet man Füllmasse zu und ein Unterteil aus weichem Flanellstoff. Das wird alles zusammen vernäht und mit einer Zierkante versehen. Zum Glück konnte ich auf ein paar spärliche Nähmaschinenkenntnisse zurückgreifen.
Mattis hat derweil auf seiner Decke herumgekullert und laut gelacht, er hatte ständig Besuch. Mittlerweile lerne ich fast automatisch neue Leute kennen, diesmal Maggie, eine Lehrerin, die sich in Honduras und Nicaragua gut auskennt und ihre drei Söhne Sven, Karl und Lars genannt hat "I love these nordic names -- you are familiar with them?". Noch bevor ich mich fragen konnte, woher die vielen mitnähenden Teenager kamen, klärte sich auf, dass sie ein Hilfsprojekt initiiert hatten: Quilts für Haiti. Tatsächlich treffen sie sich regelmäßig, um Quiltdecken für Kinder und auch Kleidungsstücke aus gespendeten Stoffen zu nähen. Und auch dieser, mein erster Quilt wird im September auf die Reise nach Haiti gehen.
Am zweiten Tag half auch Charlotte mit. Vormittags ist sie diese Woche in einem Kunstatelier und bastelt Pappmaché-Figuren. Ich habe sie mittags abgeholt und mitgenommen. Zwischen den vielen bunten Stoffen fühlte sie sich sehr wohl und sie hat auch genäht. Zusammen schafften wir noch drei weitere Quilts und eine Hose. Für ihren Fleiß bekam Lotti ihren Quilt geschenkt, weil die Chefin so begeistert von ihr war!
Wie heißt es so schön: Love in every stitch!
Die kleinen Farmen rundherum stehen im Saft. Blaubeeren, Himbeeren, Blumen, Kürbisse, Mais -- alles reift und duftet.
Auf der Riverview Farm im nahen Plainfield findet sich dazu noch ein Labyrinth im Maisfeld. Das haben wir ausprobiert. Elise, ich und unsere Kinderhorde -- nebst Mattis im Tragetuch -- schlugen uns in die grüne Hölle. Zwischen den meterhohen Pflanzen verschwanden die Kinder.
Die Kinder arbeiteten im Team: einer ging jeden Weg hinein, um festzustellen, ob es eine Sackgasse war. Allen war klar, welcher Weg der richtige war.
Schließlich fanden wir in der Mitte das Rechteck, das es zu umrunden galt und dann ging es zurück. Und nach einer dreiviertel Stunde waren wir wieder in Freiheit und schlugen unsere Picknickdecke auf.
Während es in Hanover stürmte und regnete, wie uns besorgte Väter am Telefon mitteilten, lagen wir in der Sonne und knabberten Obst. In denkwürdiger Art und Weise zeigte mir Moritz, wie er eine Weintraube isst.
Na, tust du mir auch nichts? Ich hypnotisiere dich jetzt und dann verschwindest du einfach, ja?
Worauf habe ich mich da nur eingelassen?
Geschafft... Ach nö, Mama, ich habe gar keinen Hunger mehr.
Wir hatten also viel Spaß -- bis die Farmer kamen und uns verrieten, dass sie eigentlich unter der Woche geschlossen hätten und wir uns somit verbotenerweise auf Privatgelände niedergelassen hätten... No trespassing on private property! Ist es uns also doch mal vergönnt gewesen, diese Regel zu brechen und dabei glücklicherweise nicht auf Waffennarren gestoßen zu sein "Live free or die, Meiner!" So war es also: "Verbrecher-Mamas verführen Minderjährige zu Hausfriedensbruch". Aber mit diesen Kumpanen hier würden wir es immer wieder tun!
Zeit ist relativ -- das wissen wir. Moritz macht diese Erfahrung immer wieder. Zum Beispiel muss er oft auf darauf warten, dass jemand mit ihm Fußball spielt und natürlich ist das Spiel dann immer viel zu schnell vorbei. Dass Zeit also manchmal schnell und manchmal langsam vergeht, hat er schon begriffen. Wir müssen aber immer auf ihn warten, wenn er morgens sein Obst aufessen soll.
Deshalb hat Moritz jetzt eine Uhr, er hat sich eine gewünscht. Eine echt coole Uhr mit Dinosauriern auf dem Armband. Abends geht sie mit ins Bett, liegt unterm Kopfkissen und zeigt an, dass Moritz eigentlich schon schlafen sollte. Seitdem gibt es keine Beschwerden mehr à la "Mama, Lotti und alle meine Kuscheltiere schlafen schon und jetzt bin ich ganz alleine im Zimmer." Die Uhr wird morgens fast vor den eigentlichen Sachen angezogen und passt wie angegossen.
Mit Hilfe dieser Uhr isst Moritz nun seinen Obstteller, bestehend aus Äpfeln, Birnen und Melonenstückchen, in etwa 10 bis 15 Minuten auf. Natürlich ist es immer noch ein hartes Stück Arbeit für ihn...
... aber wenigstens weiß er nun, wie lange es dauert -- nämlich meistens bis "sechs halb neun, Mama"!
Aus gegebenem Anlass: obwohl New Hampshire nach dem Bundesstaat Maine über die größten Waldgebiete der USA verfügt, scheint es hier keine Waldbrände zu geben. Es gibt einige Brandwachttürme auf den Berggipfeln, aber Brandschneisen, wie man sie früher auch in Thüringen geschlagen hat, um ein Übergreifen potentieller Brände zu verhindern, gibt es hier nicht.
Obwohl wir hier auch schon tagelang mehr als 34 Grad hatten, liegt am Morgen immer noch Tau auf den Wiesen und Bäumen. Im Wald selbst ist es immer feucht und die Wege sind oft matschig. Überall fließt Wasser, einmal natürlich der Connecticut River mit seinen vielen kleinen Zuflüssen und dann auch kleine Tümpel und Teiche mitten im Wald.
Vor etwa 100 Jahren war der Wald deutlich kleiner, weil es viele Farmen und Höfe gab. Als die Siedler aber mehr und mehr nach Westen und in die Industriestädte wanderten, lohnte sich der Anbau hier nicht mehr. Die Farmen wurden aufgegeben und der Wald eroberte sich die Flächen zurück. Manchmal findet man noch verfallene Häuschen mitten im Wald und man kann die Ränder alter Felder entdecken. Viele Waldbestände sind daher nicht älter als 80 bis 90 Jahre und es stehen Nadel- und Laubbäume einträchtig nebeneinander.
Der Wald ist sehr gesund. Das einzige sichtbare Problem ist ein Spinner-Schädling, der einzelne Äste einwebt und dem auch die eisigen Winter hier nichts anhaben können.
Es riecht intensiv nach Laub und Holz, viel intensiver als in Deutschland, meine ich. Man fühlt sich fast wie im Urwald und tatsächlich wird geraten, nur in den State Parks zu wandern und spazieren zu gehen, denn die riesigen Wälder sind kaum durch Wanderwege erschlossen und man kann verloren gehen.
Man kann Bären, Elchen und Kojoten begegnen. Außerdem leben hier Stachelschweine, die so groß wie Schäferhunde werden und einem ganz schön Angst einjagen, wenn sie mit ausgefahrenen Waffen auf der nächtlichen Straße stehen. Es gibt natürlich auch Rehe und Hasen, und es gibt Herden wilder Truthähne.
Sie gehen übrigens auch nicht freiwillig von der Straße, erst wenn der Hahn alle Hühner rübergebracht hat, darf man fahren. Stinktiere, Murmeltiere und Eichhörnchen werden jetzt wieder öfter überfahren und auch Schildkröten. Die Schnappschildkröten allerdings leben nahe Tümpeln und können einem Menschen den Finger abbeißen. Sie verteidigen sich, denn ihr Panzer bietet ihren langen Gliedmaßen zu wenig Schutz. Wir haben aber noch keine getroffen. Momentan erfreuen wir uns an dem satten Grün, das den Augen so gut tut. Ab Mitte September beginnt dann der Indian Summer mit seinem Farbenrausch.
Alles begann wie immer: wir sind gerade pünktlich weggekommen und haben Lotti beim Pferdereiten abgeliefert. Moritz, Mattis und ich hatten nun noch eine Stunde Zeit, bis Lottis Vorführung beginnen sollte. Gerade als wir uns langweilen wollten, füllte Mattis seine Windel bis zum Nacken, übrigens zum zweiten Mal an diesem Morgen. Also jagten wir zurück, um frische Sachen für ihn zu holen und hetzten zurückzu einen A8 vor uns her, um noch zurecht zu kommen. Doch der Stress war schnell vergessen, als wir unsere Lotti auf ihrem Pferdchen sitzen sahen.
Strahlt da nicht das Glück aus diesem Kindergesicht? Pferdeprinzessin Lotti zeigte uns, was sie in der einen Woche Intensiv-Unterricht alles gelernt hatte.
Sie kam ja nicht als totale Anfängerin an. Doch bisher war sie nur auf Satteldecke und an der Longe geritten. Diesmal saß sie allein im Sattel, mit Steigbügeln und vor allem mit Zügeln in der Hand.
Sie steuerte das Tier selbständig im Schritt, auch über Hindernisse hinweg.
Das ist eine wirklich gute Leistung, denn das Pferd lässt sich von ihr führen. Auch Leichttraben ging viel besser, denn nun hat sie den Rhythmus raus, wie sie ihren Popo hochstemmt und wieder runterlässt.
Alles in allem ist sie viel sicherer geworden, auch sicherer, dass sie auf jeden Fall mit dem Reiten weitermachen möchte. "Brickle" ist natürlich jetzt ihr Liebling.
Inmitten unserer Freunde, die gleichzeitig ein gutes Publikum waren, ist Lotti nach der Stunde Vorführung immer noch selig. Keine Spur von Muskelkater wie noch letztes Jahr.
Dann gabs noch eine Führung von Lotti über die Farm. Im Stall gibt es viele Schwalbennester mit Mini-Schwalben.
Und draußen auf den Koppeln warteten viele Pferde und Ponys auf die mitgebrachen Karotten.
Nun rollen die Ferientage abwärts und das Reiten war zweifellos der Höhepunkt. Zwar wird Lotti erstmal nicht weitermachen können, denn reiten ist hier wie in Deutschland einfach ungeheuer teuer. Aber das ist unser großer Trumpf, wenn wir wieder nach Deutschland zurückkehren. Dort darf sie wieder reiten und auch in die Pferdeferien fahren, das wird ihr den Abschied von Amerika hoffentlich erleichtern. So wie es aussieht, wird es Lotti nämlich am schwersten haben, Good-bye zu sagen. Sie hat hier so viele Freunde gefunden, geht in eine so gute Schule und hat viele schöne Erlebnisse jeden Tag. Und so soll es ja auch sein.
Wir haben herrlichstes Sommerwetter und gehen dementsprechend häufig baden. In Hanover gibt es dazu zwei Möglichkeiten: den Storrs Pond Pool und den Storrs Pond. Im Pool hatten die Kinder ihre Schwimmstunden. Er ist im wesentlichen ein von Beton umgebenenes Wasserbecken mit schmalem Grasstreifen, auf dem sich die Menschenmassen lagern. Die meisten Einheimischen bevorzugen den Pool, obwohl der Eintritt hier zehn Dollar kostet. Dabei ist der Pond viel schöner und das Baden hier sogar kostenlos.
An dem breiten Strand können die Kinder herrlich spielen, Sandspielzeug liegt in einer großen Beach-Box. Das Wasser ist warm und es geht lange flach hinein.
Am Pond gibt es auch viel mehr Schattenplätze, die ich bevorzuge, damit Mattis nicht so heiß wird. Schaukeln stehen auch in der Nähe. Fragt sich, warum die meisten den Pool bevorzugen. Vielleicht weil das wasser dort sauberer erscheint, wahrscheinlich aber auch wegen der Umkleidekabinen, denn hier gehen schon Vierjährige zum Umziehen in die Kabine, so prüde ist man hier. Mattis liegt derweil auf der Decke und lacht. Er freut sich, seine Füßchen erreichen zu können und spielt ausgiebig damit.
Meistens laufen wir zum Teich, das ist nochmal ein schöner Spaziergang durch den Wald. Nach so einem Badetag sind alle schön müde. Zu Hause müssen sie aber nochmal abgeduscht werden, der Sand sitzt in allen Ritzen und die wasserfeste Sonnencreme muss auch wieder runter. Die Sonne scheint hier intensiver, wir sind alle urlaubsbraun.
Die Kinder formulieren immer mehr Wünsche und immer weniger davon möchte ich erfüllen, denn sie betreffen typischen Kinder-Quatsch, der sein Geld nicht wert ist, wie zum Beispiel Silly Bandz -- Gummi-Armbänder, die in Form schnipsen, wenn man sie abnimmt und von denen es hunderte Sorten und Formen gibt, 12 Stück für 3 Dollar.
Eine gute Gelegenheit, das Taschengeld ins Spiel zu bringen. Eigentlich hatte Charlotte ja schon die Pflicht, jede Woche die Treppe zu fegen. Doch da sie bisher recht anspruchslos war oder ich zuviel gekauft habe, ist das etwas in Vergessenheit geraten. Doch nun hat sie wieder damit angefangen und erhält 50 Cent. Das entspricht einem Stundenlohn von 3 Dollar, denn sie braucht nicht mal zehn Minuten fürs Fegen. Prompt möchte Moritz auch Geld verdienen. Daher hat er nun die Aufgabe, mindestens vier Mal in der Woche beim Tisch decken zu helfen. Belohnt wird diese Arbeit mit ebenfalls 50 Cent und heute abend kam ich zum ersten Mal in den Genuss. Während ich Mattis stillte, haben die Kinder den Tisch gedeckt und sogar Jogurt verteilt.
Auch Charlotte trägt sich nun auf Moritz Plan mit ein und erhält jeweils fünf Cent zusätzlich zum Fege-Geld für jedes Mal helfen -- wir erinnern uns, für eine Tüte Silly Bandz müsste sie sonst sechs Wochen fegen. Micha hält das Ganze für eigentlich selbstverständlich und die Kinder haben meistens freiwillig geholfen, ich sehe aber die Möglichkeit, zu lernen, mit Geld umzugehen. Und es ist in Zeiten von Geschirrspüler und Staubsauger ziemlich schwierig, Arbeit für einen Vierjährigen zu finden, der sich Taschengeld verdienen möchte. Zimmeraufräumen, einkaufen helfen oder Wäsche einsortieren bleiben aber kostenfrei. Bisher waren die Quarters, Dimes, Nickels und Cents jedoch eher Spielgeld und wundersamerweise landeten sie meist in Lottis Sparschwein. Moritz ist auch der Meinung, dass sechs Ein-Cent-Münzen besser wären als ein Quarter, als 25 Cent -- weil, logisch, viele Münzen sind mehr wert als eine Münze. Außerdem mag er Abraham Lincoln lieber als Thomas Jefferson, sagt er. Bisher habe ich also eine gute Verhandlungsposition. Wie ich Lotti und Moritz kenne, werden sie jedoch bald eine eigene Gewerkschaft gründen, mehr Geld verlangen und eventuell mit Streik drohen. Ich darf mich also nicht zu abhängig von ihnen machen, aber sie sind schon eine große Hilfe, vor allem jetzt, da Micha nicht da ist.
Heute hat Charlottes "Horseback-riding Camp" begonnen -- eine Woche jeden Vormittag reiten, Pferde versorgen, Ställe ausmisten im Dartmouth Riding Club, dem Reiterhof des Colleges. Also alles dabei, was das Lotti-Herz begehrt.
Die Truppe besteht nur aus drei Mädels, da hat jede ein eigenes Pferd und bekommt doppelt so viel Zuwendung von der Reitlehrerin. Normalerweise sind sechs Kinder pro Woche hier. Die Reithose passt noch, ist nur ein bißchen kurz, aber tut ihren Dienst. Den Helm leiht sie sich aus und sie trägt ihre Herbststiefel. Lottis Pferd heißt Brickle und hat lustige Flecken.
Das Camp ist natürlich nicht billig, soll aber eine Belohung für Lottis großen Fleiß und ihren Mut sein, den sie hier im fremden Land gezeigt hat. Regelmäßiges Reiten können wir uns nicht leisten, aber für den Herbst braucht sie unbedingt einen Ausgleich zum langen Schultag. Vielleicht kann sie Trampolin springen gehen, das erinnert sie vielleicht ein bißchen ans Gehoppel auf dem Pferderücken. Jetzt aber dreht sich erstmal alles um Pferde.
Habe schon mal eine Riesentüte Karotten gekauft, denn morgen soll auch Pony Pippin eine abbekommen. Ich kann nur hoffen, dass Lotti bis dahin eine Mütze voll Schlaf bekommt, denn sie ist schon wieder unheimlich aufgeregt.
Unsere Blaubeeren sind schon fast alle und das obwohl Marianne mit uns extra nochmal pflücken war, nachdem sie mächtig in unseren Vorrat "hineingeleuchtet" hat. Für einen Blueberry-Pie hat es gelangt und vor lauter Freude habe ich vergessen, ein Bild zu machen. Aber er sah ungefähr so aus:
Das Rezept ist sehr einfach und der Kuchen sehr lecker. Man muss nur aufpassen, dass man wirklich süße Früchte hat, denn der Teig wird ohne Zucker gemacht.
American Blueberry Pie
- 300 g Mehl
- 150 g Butter
- 1 Prise Salz
- 1 Ei
- 5 EL Wasser, eiskalt
- 1 Eigelb
- 350 g Heidelbeeren (frisch oder tiefgefroren)
- 75 g Zucker
- ¼ TL Zimt
- 1 EL Mehl
- Fett für die Form
- Mehl mit Butter (in Stückchen), Ei und Salz zu gleichmäßigen Krümel kneten, nach und nach das Wasser dazugeben und zum Mürbeteig verkneten. Mindestens 15-30 Minuten in den Kühlschrank. Den Teig kann man am Vortag schon vorbereiten. Teig teilen in 2/3 und 1/3. Mit den 2/3 die Springform auskleiden und, ganz wichtig, einen 3 - 4 cm hohen Rand andrücken, denn die Blaubeeren verlieren im Ofen viel Saft.
- Zucker, Zimt und Mehl vermengen. Hälfte davon auf den Teig geben, gefrorene oder frische Heidelbeeren darauf verteilen und die andere Hälfte der Mischung wiederum darauf verteilen.
- Den Rest Teig entweder als Deckel drauflegen oder im Gitter. Das finde ich einfacher, denn der Teig ist recht klebrig. Gut mit dem überstehenden Rand zusammendrücken und verschließen. Mit der Gabel Löcher einstechen. Eigelb verquirlen und Deckel damit bestreichen. 50 Minuten in den auf 200°C vorgeheizten Backofen. Schmeckt am besten warm.
Und wir haben noch ein ausgefalleneres Rezept probiert:
Blaubeer-Hühnchen
- 4 Hühnerbrüste
- 1 EL Öl
- 3 EL Balsamico oder Fruchtessig wie Himbeeressig
- eine Tasse Hühnerbrühe
- eine halbe Tasse echte Sahne
- eine halbe Tasse Blaubeeren
- Huhn in Öl anbraten und bräunen
- Essig und Brühe dazu und gut vermischen
- zusammen simmern lassen bis das Huhn gut durch ist
- Fleisch herausnehmen und warmstellen, Sahne dazugießen und verrühren -- Achtung: kann etwas flocken wegen dem Essig
- evt. mit Mehlschwitze andicken und mit Salz, Pfeffer und Zucker abschmecken
- Blaubeeren hinzugeben und mit warm werden lassen, aber nicht mehr kochen
Schmeckt prima mit Reis, ist ein gutes Kinderessen und sieht dann so aus:
Für alle, die einen Beweis dafür brauchen, dass die Zeit fliegt: wir sind nun schon ein ganzes Jahr hier. Am 29. Juli 2009 kamen wir mit acht Koffern und hundemüde am Bostoner Flughafen an. Yarik, unser rettender Engel stand draußen und fuhr uns in unser neues Heim, das glücklicherweise so gut ausgestattet war, dass wir umgehend Betten beziehen und die Kinder schlafen legen konnten. Das alles und das tolle folgende Jahr haben wir gefeiert -- zusammen mit dem Geburtstag von Yariks ältester Tochter Alisa und Elises Rückkehr aus Großbritannien, wo sie vier Wochen lang ihre Eltern besucht hat. Es gab russischen Kuchen.
Viele Freunde und Kollegen kamen vorbei, es war ein internationaler Haufen mit Leuten aus Indien, Tansania, England, Spanien, Italien, deutschland, Russland und sogar zwei Amerikaner waren dabei. Auch Michas Boss Jim Haxby und seine Frau Ida gaben sich die Ehre.
Moritz spielte draußen Fußball, glücklicherweise kann er nun auch manchmal allein spielen, denn wir haben ihm gesagt, er müsse jetzt Elfmeter-Schüsse üben. Damit die anderen Kinder sich nicht beim "Grown-up Talk" langweilten, durften sie im Plans-Casal-Movie-Theatre einen Film gucken. "Ratatouille" war so schön, dass auch einige Papas vorbeischauten.
Das nächste Jahr kann eigentlich kaum besser werden, zumal wir bald wieder aufbrechen, um wieder ein neues Stück dieses Riesenlandes zu erkunden. Erstmal weilt Micha eine Woche in New York auf der Debian-Conference. Und Mitte August geht es Richtung Niagara-Fälle, Chicago, große Seen und in die Prärie. Es niemals langweilig.