Live free or die, Meiner!

Stimmen aus der Wildnis

Man glaubt gleich, dass diese Stadt vor 150 Jahren eine der wichtigsten Städte der USA war: ein prächtiges Statehouse mit goldener Kuppel, grüne Parks im Stadtzentrum, riesige Versicherungsgebäude.

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Nur täuscht das alles nicht darüber hinweg, dass Hartford, Connecticut, ziemlich langweilig ist -- zumindest findet man Sonntag nachmittag im Stadtzentrum kein einziges Café. Das hätten wir Arglosen nicht gedacht, denn ausgerechnet Mark Twain hat sich hier 1871 niedergelasen.

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.

Der Autor von Klassikern wie "Tom Sawyer" oder "Der Springfrosch" ist der einzige Grund, warum man nach Hartford kommen sollte. Denn hier hat er sich nach eigenen Entwürfen und vom Erbe seiner Ehefrau ein prächtiges Haus bauen lassen.

Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein.
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Ein Haus ist eine deutlich bessere Ausgabe, zumal es heute ein Museum ist. Nachdem die Familie Twain nach 17 Jahren aus Geldmangel ausziehen musste, sollte die Villa einem Apartementhaus weichen. Kulturbeflissene Bürger der Stadt retteten das Anwesen und es diente dann als Grundschule und Bibliothek. Endlich hat man sich in den 1960ern dazu durchgerungen, es als Museum umzubauen.

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Die Familie Mark Twains mit drei Töchtern soll dort die glücklichste Zeit verlebt haben. Jedes Zimmer ist in einem anderem Stil gestaltet und der Hausherr hat sie mit jeglichem technischen Schnickschnack ausstatten lassen, wie Telefon oder Gegensprechanlage. Am schönsten aber ist sein Herrenzimmer unterm Dach mit Billiardtisch und Rauchutensilien. In der Ecke steht das Tischchen, an dem seine besten Bücher entstanden sind -- der Stuhl abgewandt vom Billiardtisch, denn Mr. Twain wusste um seine kurze Konzentrationsspanne.

Verschiebe nicht auf morgen, was genausogut auf übermorgen verschoben werden kann.

Nach seinen Jahren in Hartford war Twain neun Jahre in der ganzen Welt unterwegs -- um mit den Reisereportagen seine enormen Schulden zu begleichen. Von Berlin war er übrigens so angetan, dass er zwei seiner Töchter dort studieren ließ -- nur die deutsche Sprache blieb ihm fremd.

Die deutsche Sprache sollte sanft und ehrfurchtsvoll zu den toten Sprachen abgelegt werden, denn nur die Toten haben die Zeit, diese Sprache zu lernen.

Als echter und möglicherweise erster Amerikaner, der auch aus dieser Perspektive heraus geschrieben hat, hat Twain die amerikanische Literatur bis heute geprägt.

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Hier in der Dartmouth Bibliothek finden sich hunderte Ausgaben seiner Bücher -- und alle warten jetzt auf mich...

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Der Titel ist zwar geklaut, aber er passt so gut, denn: sie waren wirklich hier. Die reisefreudigen Großeltern mütterlicherseits haben sich ins Flugzeug geschwungen, um erstmals die Familie im imperialistischen Ausland zu besuchen.

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Eine schöne Woche zusammen unter einem Dach -- übrigens eine Premiere, denn vorher wohnten wir nur ca. 900 m Luftlinie auseinander und weiter als jetzt geht es wohl kaum noch. Wir haben unseren neuen amerikanischen Alltag geteilt, Schule und KiTa angeschaut und sind einfach einkaufen gewesen. Doch Hanover hielt noch mehr bereit: Spaziergänge im Sonnenschein des schwindenden Indian Summers, Shopping, Besuch im Montshire Museum, Kaminfeuer, eine Besteigung des Glockenturmes der Baker Library und und und...

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Schließlich gab es noch echt amerikanisches Essen: selbstgegrillte BlueCheese-Angus-Burger mit frischem Gemüse, Labberbrötchen und HotDogs. Und sie haben es gegessen und nebenher jede Menge über die USA gehört und gefragt.

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Aber am schönsten waren natürlich die allabendlichen Geschichten vom Opa: Neues und Altbekanntes vom Räuber Samuel und dem Polizisten Rharbarberstängel.

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Da sind die Kinder sogar ganz geduldig ins weit entfernte Hartford City, Connecticut, mitgefahren -- und da gibt es eigentlich nur eins zu sehen... Ungeduldige mögen jetzt googeln, die anderen warten bitte bis morgen, denn für diesen Eintrag muss die Karo all ihre Zellen anstrengen...

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Der Herbst verabschiedet sich jetzt und der Wind pustet alle Blätter runter. Hier nochmal eine Impression aus unserer direkten Nachbarschaft -- für alle, die überlegen, nächstes Jahr im Herbst vorbeizukommen.

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Dieses Wochenende war "Dartmouth Night and Homecoming" -- ein Festwochenende für die neuen Studenten, die Freshmen und ihre Familien und alle Absolventen. Mehrere tausend Besucher kamen in die Stadt, um das College zu feiern. Neben Klassentreffen, Footballspielen und Preisverleihungen wurde mitten in der Stadt auf dem Green ein ca. 10 Meter hoher Scheiterhaufen errichtet.

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Der wurde von den Freshmen schließlich in Brand gesteckt und loderte trotz strömenden Regens sofort in die Nacht. Die Studenten rannten kaum bekleidet um das Feuer, das soll ihnen Glück und Erfolg für die kommenden vier Jahre am Dartmouth College schenken -- auch der neue Direktor rannte mit, immerhin ist auch er ein Neuling hier. Micha war nicht zu überreden, hat aber schöne Fotos gemacht.

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Stellt euch mal so ein Feuer auf dem Uni-Platz vor -- die deutschen Ordnungshüter würden in Ohnmacht fallen. Hier ist das alles ein Riesenspektakel und wird seit 114 Jahren gefeiert. Auf dem Haufen brannte eine große 13, denn die jetzt neuen Studenten bilden die Class of 2013 -- und wurden als solche unter großem Beifall in die große Dartmouth-Familie aufgenommen. Immerhin waren sogar Veteranen der Class of 1946 dabei. Nun ist der Uni-Shop leergekauft und die Massen sind wieder abgereist und wir haben unser beschauliches Hanover wieder für uns.

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Pelmeni in USA

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Mo, 19 Okt 2009

Wir sind ja so verdammt international. Am Wochenende haben wir den hiesigen amerikanischen Balch Hill erklommen. Immer noch ist die amerikanische Blattfärbung mächtig beeindruckend, wenn auch die amerikanische Sonne sich versteckt hat.

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Und endlich ist uns eine Aufnahme unseres Quasi-Haustieres gelungen: des Streifenhörnchens. Noch können wir A- nicht von B-Hörnchen unterscheiden. Sie stoßen furchtbare Quieklaute aus und erwecken den Eindruck, unser Haus würde dereinst wieder ihnen gehören. Nachbarn munkeln, die Chipmunks wären getarnte CIA-Agenten und wenn sie manchmal auf den Zweigen des Gebüsches direkt vor unserem Fenster schaukeln, kann man sehen, wie sie in ein winziges Mikro sprechen...

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An diesem Nachmittag hatten die Chipmunk-Agenten auch wirklich was zu melden, denn wir waren zum russischen Pelmeni-Kochkurs eingeladen.

Yariks russische Mutti ist ja gerade zu Besuch und wir haben darum gebeten, einmal mit ihrer Hilfe diese herrlichen Teigtaschen mit Fleischfüllung echt russisch herzustellen. Und wir haben das volle Programm gekriegt: Teig? - Mehl, Milch, Ei, Salz -- der Rest nach Gefühl, aber schön kneten, bis es "charascho" ist. Micha hat in ihren Augen nicht so optimal mitgemacht, obwohl er sich alle Mühe gegeben hat. Der Teig wurde ihm bei erster Gelegenheit entrissen. Männer sind hier wohl nur für die niedrigen Arbeiten wie Zwiebeln reiben, Teig ausrollen oder beim Einsatz mit kochenden Wasser geeignet.

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Das Gehackte wird auch geknetet und gewürzt, bis es "charascho" ist, und dann wird es in kleine Teigtüchlein gefüllt. Dabei gibt es ca. 100 verschiedene Methoden, die Taschen zu formen.

Natürlich haben alle mitgemacht -- die Kinder haben große Pelmeni geformt und wir die kleinen. Die Prozedur eignet sich auch hervorragend als Familienbeschäftigung für Schneetage. Bei Yarik herrschten gefühlte 30 Grad Celsius, damit alle in kurzen Hosen herumrennen können. Mit uns zusammen und dem Herd wurde es in der kleinen Küche so warm wie in einer russischen Sauna -- da half nur eiskalter Wodka. Und endlich durften wir essen -- himmlisch! Mit russischen Sardinen, saurer Sahne, Essig...

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Die Kinder aßen russisch-amerikanisch: Pelmeni mit Ketchup.

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Andreas und Alex -- schön, dass ihr hier wart!! Erst in Boston wie auf dem Handy-Foto zu sehen (immer noch besser als manche TNN-Qualität) und dann in Old Hanover -- für einen Tag wars wieder so wie in der DaZ-Kaffeeküche, wenn auch im Indian Summer Wald oder bei Murphys und den leckeren Buffalo Burgern. Wir haben das Kinderzimmer zum Gästezimmer umfunktioniert: Alex hat oben bei den Pferden geschlafen und Andreas unten bei Bob dem Baumeister ;) -- also, wer jetzt doch mal vorbeischauen will -- WILLKOMMEN!!

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Und danke für die Bilder, Andreas, Geld ist überwiesen...

Außerdem bekommen wir gerade so viele lustige Postkarten. Jede Woche eine und es macht großen Spaß, sie zu lesen und zu fühlen, dass da jemand an uns denkt. Danke, danke, dankeschön! Und NO DHL!

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Kürbis-Zeit

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Do, 15 Okt 2009

Herbstfarben sind ja immer besonders schön, aber es geht wohl nichts über das Orange eines reifen Kürbisses. Wir hier im ländlichen New Hampshire, gleich an der Grenze zum noch ländlicheren Vermont könnten momentan jedes Wochenende auf ein Pumpkin-Festival fahren.

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Und obwohl es mittlerweile empfindlich kalt ist mit 3 - 7 Grad tagsüber, haben wir am Wochenende die Cedar Farm "drüben" in Vermont besucht. Die Farmen hier scheinen alle von langhaarigen, graubärtigen Hippies betrieben zu werden (zumindest war keiner rasiert, was Micha sehr zusagte). Sie bauen alles mögliche Gemüse und Kräuter an, diese hier hat sogar Rosenkohl, der hierzulande nahezu unbekannt ist. Gleich zu Beginn ging es aufs Kürbisfeld, um den schönsten aller Kugelkürbisse für uns zu finden.

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Der soll zur Halloween-Maske umgestaltet werden, hier hat jeder Kürbisse vor der Tür stehen. Allerdings gibt es einen riesigen, für uns kaum unsichtbaren und schon gar nicht aussprechbaren Unterschied zum "Squash". Der "Pumpkin" ist rund und orange, der "Squash" ist auch ein Kürbis, aber länglich und hell -- zumindest vermute ich, dass dies der Unterschied ist. Die grobe deutsche Sprache kennt einfach kein anderes Wort für Kürbis.

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Jedenfalls gab es leckeres "organisches" -- also Bio-Essen, Vermonter Würstchen und Käse und die Crunchy Western Boys spielten auf mit einer Mischung aus Blue Grass und Country Musik.

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Nebenher haben die Kinder kleine Kürbisse bemalt. Schließlich konnten wir noch Kutsche fahren, Hühner anschauen und auf alle Traktoren klettern, die hier Dienst tun.

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Und Moritz ist wochentags mit seinem Kindergarten gleich nochmal hingefahren. Jedes Kind bekam einen Kürbis geschenkt und wir wissen jetzt echt nicht mehr, wohin mit dem Zeug!

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Bei uns kann Lotti zur Goldmarie werden, denn unser riesiger Truthahn-Whirlpoolherd hat sich in einen Brotbackofen verwandelt. Nach der Backlehrstunde beim Nachbarn, kam Micha mit d-e-m Brotrezept nach Hause und jetzt wurde jeden Tag gebacken. Der Analytiker hat den Bäcker ausgefragt und minutiös die Zutaten, zeitliche Abfolge und alle Tricks notiert. Das Ziel war, das Brot erstmal nur nachzubacken. Den Sauerteig-Starter haben wir von Hakan geschenkt bekommen -- er wird behütet wie ein Baby, jeden Tag gefüttert und beginnt nun auch, sich hier bei uns wohlzufühlen, so dass wir immer genug haben, um zu backen und wieder neu zu züchten.

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Zuerst also alle Zutaten mischen und den Teig kneten. Wir backen hier Mischbrot aus Weizen- und Roggenmehl. Roggenbrot ist zwar haltbarer, aber der Teig ist auch noch klebriger als bei dem Mischbrot. Selbst die glatte Arbeitsfläche ist zu rauh, immer pappt was an.

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Beim Kneten muss der Teig immer in Bewegung sein. Micha wird bald Popeyes Unterarme haben!

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Dann ruht die Teigkugel für acht Stunden in einem warmen Nestchen. Micha hat ihn anfangs sogar herumgetragen, damit er es immer schön warm hatte. So stand die Schüssel mal mit auf dem Herd, mal auf dem Kamin -- und nein, unser Bett war tabu. Nun wird er nochmal geknetet und zu einem "Boule" geformt -- der Brotlaib sollte keine Falten haben, sondern muss vollkommen rund und glatt sein. Er wird so geformt, dass die Oberfläche quasi unter Spannung steht -- die wird dann im Ofen zu einer schönen knusprigen Kruste.

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Eigentlich muss er nun in ein Gärkörbchen unnd hier wieder so ein Bonmot: Hakan hat das luftdurchlässige Gärkörbchen aus Stroh hier in einer Luxusbäckerei gekauft, für 30 Dollar. Es stellte sich nun heraus, dass die diese Körbe aus Deutschland importieren und zwar von einer Firma aus Riesa -- die Kollegen da verkaufen es für 2,50 Euro... Nun unser Brot schläft in seiner Schüssel und kommt nun in den Ofen, auf unseren heißen Stein, der nichts anderes als eine Bodenkachel aus dem Baumarkt ist.

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Und nun muss es eine Stunde backen und verwandelt sich dabei.

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Und jetzt schaut mal her -- das isses nun, so ein Brot mit vier Kanten, wie der Meister zu sagen pflegt. So ein Brot, das man eigentlich nur mit Butter und Salz zu essen braucht. So ein Brot wie früher -- Michas Opa konnte uns noch erzählen, dass sie es vor 70 Jahren auf seinem Hof fast genauso gebacken haben. So ein Brot haben wir jetzt und ich sag Euch, es schmeckt noch besser, wenn man bedenkt, dass es SELBST gemacht ist.

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Guten Appetit.

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Indian Summer

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So, 11 Okt 2009

Als Stadtmensch ist man ja schon mit einem Stück Rasen vor der Tür zufrieden. Was man hier an Natur geboten bekommt geht jedoch weit darüber hinaus. Wir können mit euch zwar nicht den Duft des Indian Summer teilen (und auch nicht die Massen von Pilzen, die hier von den ignoranten Amis im Wald stehen gelassen werden -- gibt es ja auch im Supermarkt...), aber hier sind zumindest ein paar Bilder von einem Herbstspaziergang in Hanover. Die Farbenpracht tut schon fast weh.

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Aber nun kommt es dicke: die Wetter-Vorhersage für morgen sagt 20% Wahrscheinlichkeit für Schnee...

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Steckbrief

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So, 11 Okt 2009

Wir freuen uns, Euch mitzuteilen, dass wir mehr werden: noch ist ER 240 g schwer und ca. 18 cm groß. Er wird Anfang März auf die Welt kommen und den Winter hier noch im Warmen verbringen. Er ist automatisch deutscher und amerikanischer Staatsbürger und seine Mutter erwirbt mit seiner Geburt lebenslanges Bleiberecht (gut zu wissen!). Jetzt fehlt uns nur noch ein Name -- und Ihr da zu Hause. Echt.

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Erlösung

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Mi, 07 Okt 2009

Ich will nicht gotteslästerlich sein, aber unser Erretter wohnt nebenan. Er heißt Hakan, ist Professor für Altgriechisch und sein Fachgebiet ist die Soziologie griechischer Texte. Nebenbei ist er Kosmopolit und hat u.a. ein Jahr in Paris verbracht, auch um zu lernen, wie man Brot backt. Und dieses heilige Wissen hat er nun unter Beweis gestellt: er hat für uns Brot gebacken.

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Es ist ein Sauerteig-Roggenbrot, aus Roggenmehl, Wasser und Salz. Der Sauerteig wurde gefüttert und gehegt, alle Zutaten vermischt und geknetet, dann ruhte es mehrere Stunden an einem warmen Ort bevor es auf einem heißen Stein gebacken wurde. Heißer Stein!! Das heißt, es hat eine richtige Kruste. Die Konsistenz ist grandios herzhaft und wer reinbeißt wird erleuchtet.

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Und das Allerbeste: wir bekommen Sauerteig ab und einen Backkurs, um uns selbst aus unserem Elend zu erretten: zuletzt fürchtete ich mich vor dem Brotkauf, denn wir hatten nun zwar Roggenbrot gefunden, aber aus unerfindlichen Gründen muss da immer Kümmel drin sein. Ich weiß, die Hallenser lieben Kümmel vor allem in der Wurst -- aber nicht wir, das muss das ausländische Erbe unserer Vorfahren sein oder ein gewöhnlicher genetischer Defekt. Jedenfalls waren wir gerade dabei, zu resignieren und uns Toastlabberbrot reinzuekeln -- als heute das Glück an unsere Tür klopfte:

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Also gehts jetzt los: Donnerstag abend ist das erste geheime Treffen, da werden die Zutaten gemischt, Freitag morgen wird geknetet und Micha meinte schon, er wird mit Freuden jedes Meeting absagen, um beim Backen dabei zu sein und bald, sehr bald werden wir unser eigenes Brot haben.

Hallelujah.

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Obwohl der Indian Summer uns bisher mit Sonnenschein und Farbenrausch beglückt hat, merkt man überall, dass der Winter nicht mehr fern ist. Die Leute lassen die Dächer und Fenster ihrer Häuser überprüfen, die Wasserleitungen werden gespült und gefährliche Äste von Bäumen abgesägt, die unter der Schneelast brechen könnten.

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Natürlich haben wir auch Wintersachen mitgenommen, allerdings erscheinen einem die mitteleuropäischen Klamotten angesichts der ausgeklügelten Textilsysteme hier ziemlich unzureichend. Alles funktioniert nach dem Prinzip: dress in layers oder deutsch-blumig: Zwiebelprinzip. Und so statten wir deutsche Anoraks und Skihosen gerade mit Mikrofleece-Unterjacken aus und die Winterstiefel hier sollen bis 40 Grad Minus wärmen.

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Außen also Kunststoff in allen Facetten und innen ein herausnehmbarer fingerdicker Filzschuh -- das ist der Stiefel, in dem wir hier überleben sollen. Karo hatte allerdings noch anderweitig Glück: die russischen Großeltern unserer Freunde kamen zu Besuch -- ausgerüstet mit Fellsachen aus Sibirien! Unglücklicherweise passten die Stiefel nicht -- dafür aber der Karo! Die ist also mit sibirischen Fellstiefeln, und die bestehen tatsächlich komplett auf Fell -- ausgestattet. Das erlaubt uns einen direkten Vergleich der beiden Wärmemethoden Hightech-Kunststoff gegen Naturpelz!

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Dazu kommen natürlich Kuschelhausschuhe, Strickjacken und Oma Inges Strickpullover, die hier endlich zu Ehren kommen werden! Das Haus wird ebenfalls augestattet: wenn die Heizung angeschaltet wird, sind oben die Türen zu, sonst ist die Wärme gleich weg. Ein dicker Vorhang zwischen Ess- und Wohnzimmer soll morgens verhindern, dass die Wärme ins unbenutzte Wohnzimmer zieht. Wir heizen hier mit Öl und zahlen nach Verbrauch und nach Ölpreis -- das können im Winter gerne mal 500 Dollar pro Monat sein! Daher soll unser Kamin nicht nur gemütlich machen, sondern eine Alternative zum Öl sein. Wenn alles nichts hilft, müssen wir uns eben ein Iglu bauen!

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Pimp my Kamin

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So, 04 Okt 2009

Jetzt, wo die Tage deutlich kühler werden, feuern wir unseren Kamin immer häufiger an. Jedoch wurde uns schnell klar, dass er von seinen Erbauern eher als Zierde, denn als Heizung vorgesehen war. Wenn er schön brennt, dann saugt er die ganze (warme) Luft aus dem Haus und gibt selbst nicht sonderlich viel davon ab -- außer man entfacht ein richtiges Höllenfeuer mit einer Unmenge Holz. Dann ist es aber nicht viel billiger als unsere Ölheizung. Da wir nun aber Ofenbauer-Gene in der Familie haben, ist es quasi unsere Pflicht, diesem Mißstand ein Ende zu bereiten.

Nun gibt es jede Menge technische Errungenschaften, die die Effizienz eines Kamins deutlich steigern können. Jedoch haben die meisten den Nachteil, ziemlich teuer zu sein (in der Regel etliche hundert Dollar). Da wir hier aber nur zwei Winter bleiben, muss sich ein solche Investition rechnen.

Unser Kamin hat zwei Probleme: 1. Es dauert etwa zwei Stunden bis sich das Mauerwerk aufgeheizt hat. Bis dahin schluckt das Ding jede Menge Hitze. 2. Ein Großteil der Wärme entfleucht einfach durch den Schornstein nach oben. Wenn man einen großen Stamm reinpackt, der dann hinten anbrennt, kann man es schaffen, dass es drinnen brennt und trotzdem davor kalt ist.

Die Lösung des ersten Problems ist simpel: Ein Stück blankes Metall vor die Rückwand stellen. Das reflektiert die Hitze und macht das Zimmer warm und nicht die Mauer. Sowas kann man hier auch kaufen. Aber wenn man den eingeprägten röhrenden Elch nicht braucht, dann gibt es das Stück Blech auch im Baumarkt.

Das Problem der Hitzeflucht durch den Schornstein ist da schon kniffliger. Idealerweise müsste man die Luft durch einen Wärmetauscher leiten. Da ein richtiger Wärmetauscher nicht realisierbar ist, habe ich einen gebastelt -- Modell "Stalinorgel".

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Da ich hier nicht, wie zu Hause einen umfangreichen Werkzeugpark habe, musste es was Einfaches sein. Die Wahl fiel auf Kupferrohr (1.5 Zoll Durchmesser). Das kann man gut sägen und die Winkelstücke gibt es auch im Baumarkt. Kurz kamen mir Zweifel ob des niedrigen Schmelzpunktes von Kupfer (1053 °C), aber dank der neuen Google-Suche in Büchern war schnell zu erfahren, dass die Alt-Germanen extreme Probleme hatten, Kupfer mit Holzfeuern zu schmelzen -- perfekt!

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Kurz gesägt, zusammen gepresst und eingesetzt. Feuer an und ... Wahnsinn. Selbst mit einem kleinen Holzklotz, an dem man kaum Flammen sieht, kommt eine schöne Hitze zu Stande. Die Orgelpfeifen sehen zwar etwas gewöhnungsbedürftig und nicht mehr ganz so romantisch aus, aber sie sind sehr effektiv.

Problem gelöst.

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De Fleppn

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Fr, 02 Okt 2009

Er kann fahren, ich kann fahren, wir können fahren -- dachten wir zumindest. Doch alle unsere in Old Europe erworbenen Autofahrkünste zählen hier nichts in der neuen Welt. Vielleicht weil die Autos größer sind und der Sprit billiger? Jedenfalls haben sich die Behörden das zwei Monate angeschaut und nun war Schluss: wir mussten die New Hampshire Drivers Examinations ablegen.

Dazu gehört der theoretische Test nach dem New Hampshire Drivers Manual und eine praktische Prüfung. Wir sind also nach Concord gefahren, in New Hampshires weltbekannte Hauptstadt, denn nur dort dürfen Aliens wie wir uns prüfen lassen. Tatsächlich bekommt unsereins mit dem Führerschein ein astreines amerikanisches Identifikationsdokument in die Hand, in diesem Land, wo es keine Ausweise gibt und man sich mit der Stromrechnung in der Bibliothek anmelden muss. Also haben sie unsere Dokumente sorgfältig geprüft und wir hatten deutlich mehr Glück als die Kollegen aus Schwarzafrika, die nach uns dran waren -- da scheint der Officer wohl niemanden telefonisch erreicht zu haben...

Wir also ab in die Prüfung, die ziemlich simpel war. Michas Lieblingsfrage: Was tun Sie, wenn Sie mit dem Auto auf den Schienen stehen bleiben und sich ein Zug nähert? -- Sie gehen dem Zug entgegen (!), natürlich neben den Schienen, dann ist die Gefahr am geringsten, von den Trümmern des eigenen Autos erschlagen zu werden.

Karos Lieblingsinfo: Ein grüner Linksabbiege-Pfeil an der Ampelkreuzug bedeutet NICHT, dass man freie Fahrt hat! Er zeigt nur an, dass man sich in der Linksabbiegespur befindet, man muss genauso auf Gegenverkehr und Fußgänger achten wie sonst auch.

Micha: 0 Fehler -- dabei muss erwähnt werden, dass er in Deutschland beim ersten Mal durchgefallen ist. Karo: 2 Fehler, aber nur wegen der nervigen Mexikaner, die sich gegenseitig die Fragen ins Spanische übersetzt und gleich die Antworten verraten haben. Am selben Tag noch durften wir auch die praktische Prüfung ablegen, denn das geht mit dem eigenen, in NH zugelassenen und mit Hupe ausgestattetem Auto. Ich nochmal kurz auf dem Highway geübt und dann kam auch schon der Officer und Micha war dran -- kam nach 20 Minuten zurück -- "needs improvement at intersections". Dann ich -- "needs improvement in tolerating slow pedestrians" -- ansonsten alles gut und so sind wir nachmittags mit Fleppe in der Tasche wieder nach Hause gefahren -- und nichts mit üppigen Gebühren oder falschem Foto: 50 Piepen und Bild machen sie gleich selbst! Gute Fahrt!

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